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FKOM THE FUND OF

THOMAS WREN WARD,

Late Treasurer of Harvard College.

RELEASED

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in 2011 with funding from

University of Toronto

http://www.archive.org/details/prinzipienderspOOpaul

PRINZIPIEN

DER

SPRACHGESCHICHTE

VON

HERMANN PAUL,

PROFESSOR DER DEUTSCHEN PHILOLOGIE'a. D. UNIVERSITÄT MÜNCHEN.

DEITTE AUFLAGE.

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HALLE A. S. MAX NIEMEYER.

1898.

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LIBRARY

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113 ST. JOSEPH STREET rOfWNTO, ONT, CANADA M5S

ENTERED MAY 2 4 1995

Vorrede zur zweiten Auflage,

öchon ehe der Druck der ersten Auflage vollendet war, konnte ich nicht darüber in Zweifel sein, dass meine Erörterungen der Ergänzung dringend bedürftig seien, indem manche wichtigen Seiten des Sprach- lebens darin nur flüchtig berührt waren. Ich fasste daher sofort eine solche Ergänzung ins Auge und war unablässig darauf bedacht alles zusammenzutragen, was mir dazu dienlich schien. Doch aber kam mir die Aufforderung meines Verlegers zur Herstellung einer zweiten Auflage zu rasch und unerwartet, als dass ich derselben sofort hätte Folge leisten können. Auch jetzt hätte ich lieber noch gezögert, um manches besser ausreifen zu lassen. Ich musste aber schliesslich doch dem durch die reichliche Nachfrage nach dem Buche berechtigten Drängen des Verlegers nachgeben.

Auch diese zweite Auflage wird vor den Augen mancher Fach- genossen nicht mehr Gnade finden als die erste. Die einen werden sie zu allgemein, die andern zu elementar finden. Manche werden etwas Geistreicheres wünschen. Ich erkläre ein für alle Mal, dass ich nur für diejenigen schreibe, die mit mir der Ueberzeugung sind, dass die Wissen- schaft nicht vorwärts gebracht wird durch komplizierte Hypothesen, mögen sie auch mit noch so viel Geist und Scharfsinn ausgeklügelt sein, sondern durch einfache Grundgedanken, die an sich evident sind, die aber erst fruchtbar werden, wenn sie zu klarem Bewusstsein gebracht und mit strenger Konsequenz durchgeführt werden.

Ohne erhebliche Veränderungen sind aus der ersten Auflage herübergenommen Kap. 13 (= 8), 14 (= 7), 21 (= 13), 23 (= 14), auch 9 (= 10) abgesehen von der Weglassung des letzten Abschnittes, dessen Gegenstand eine ausführlichere Behandlung in Kap. G gefunden

IV

hat. Etwas belaogreichere Veränderungen oder Zusätze haben erfahren die Einleitung (= Kap. 1), Kap. 2 (?= 12), 3 (= 3), noch mehr 19 (= 9 von S. 160 an), 20 (= 11), 10 (= der Hauptmasse von 5 und 6). Zum Teil aus der ersten Auflage herübergenommen, zum Teil neu sind Kap. 1 (= 2), 5 (= 4) und 11 (= Stücken von 5 und 6). Ganz neu oder nur kurzen Andeutungen der ersten Auflage entsprechend sind Kap. 4, 6, 7, 8, 12, 15, 16, 17, 18 und 22.

Es war anfänglich meine Absicht noch ein methodologisches Kapitel anzufügen über die Scheidung des Lautwandels von den durch Rücksicht auf die Funktion bedingten Umgestaltungen der Lautform. Ich mochte indessen nicht gern das wiederholen, was ich schon in den Beiträgen z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit. VI, I ff. ausgeführt habe. Freilich sehe ich sowohl aus der sprachwissenschaftlichen Praxis als aus den theoretischen Erörterungen der letzten Jahre, dass die dort gegebenen Auseinandersetzungen wenig Beachtung gefunden haben. Sie sind namentlich von allen denjenigen ignoriert, welche geleugnet haben, dass in der Methode der morphologischen Untersuchungen neuer- dings ein erheblicher Fortschritt gemacht sei.

Freiburg i. B., Juni 1886.

H. Paul.

Vorrede zur dritten Auflage,

Das Werk hat diesmal keine so durchgreifende Umgestaltung erfahren wie in der zweiten Auflage. Wesentlich verändert und er- weitert sind Kap. III und VIII. Von sonstigen Aenderungen und Zu- sätzen sind die erheblichsten in §§ 45, 98, 130, 152. 161, 172, 176, 184, 195, 202 zu finden.

München, April 1898.

H. Paul.

Inhalt.

Seite

Einleitung 1

Notwendigkeit einer allgemeinen theoretischen Wissenschaft (Prin- zipienlehre) neben der Sprachgeschichte wie neben jedem Zweige der Geschichtswissenschaft 1. Nähere Bestimmung ihrer Aufgabe 1. Prin- zipienlehre zugleich Grundlage für die Methodenlehre 3. Ueber- tragung der in der Naturwissenschaft üblichen Betrachtungsweise auf die Kulturwissenschaft 3. Die Sprachwissenschaft unter den histo- rischen Wissenschaften der vollkommensten Methode fähig 5. Zu- sammenwirken psychischer und physischer Faktoren in aller Kultur- entwickelung 6. Kulturwissenschaft immer Gesellschaftswissenschaft 7. Kritik der Lazarus -Steinthalschen Völkerpsychologie 8. Wechsel- wirkung der Seelen auf einander nur indirekt durch physische Ver- mittelung möglich 12. Verwandlung indirekter Associationen in direkte 15. Eigentümlichkeiten der Sprachwissenschaft gegenüber andern Wissenschaften 16. Wissenschaftliche Behandlung der Sprache nur durch historische Betrachtung möglich 19. Kap. I. Allgemeines über das Wesen der Spracheutwickelung .... 21

Gegenstand der Sprachwissenschaft 20. Organismen von Vor- stellungsgruppen die Grundlage aller Sprechthätigkeit 23. Die Träger der geschichtlichen Entwickelung 25. Erfordernisse für die Be- schreibung eines Sprachzustandes 26. Ursache für die Veränderungen des Usus die gewöhnliche Sprechthätigkeit 29. Entwickelungsstadien 30. Klassifizierung der Veränderungen 32. Anfänge der Sprache 33. Grammatik und Logik 33. Kap. II. Die Sprachspaltnng 35

Analogieen aus der organischen Natur 35. Fassung des zu lösen- den Problems 37. Veränderung und Differenzierung 38, Verkehrs- verhältuisse 3S. Spontaneität und Beeinflussung 39. Unabhängigkeit der einzelnen Differenzierungen von einander 40. Das Bild einer Stammtafel unzutreffend 40. Allmähliche Abstufung der Dialekt- unterschiede 42. Sprach trennung 43. Die Lautverhältnisse das eigent- lich Charakteristische 44. Kunstsprache, Dichtersprache 45. Un- begrenztes Wachstum der mundartlichen Verschiedenheiten 45. Kap. III. Der Lautwandel 46

Die bei der Erzeugung der Sprachlaute thätigen Faktoren, Be- wegungsgefühl und Tonempfindung 46. Mangel eines Bewusstseins von den Elementen des Wortes 37. Das Wort eine kontinuierliche

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Seite

Reihe von unendlich vielen Lauten 48. Kontrolle des Gesprochenen 50. Grenzen des Unterscheidungsvermögens 50. Ablenkungen von der durch das Bewegungsgefühl angezeigten Richtung unvermeidlich 51. Verschiebung des Bewegungsgefühles 52. Ursachen der Ablenkung 53. Bequemlichkeit Nebenursache, Bewegungsgefühl Hauptursache 54. Kontrolle durch das Lautbild 55. Verhältnis des Einzelnen zu seinen Verkehrsgenossen 56. Lautliche Veränderungen, die nicht auf Ver- schiebung des Bewegungsgefühles beruhen 59. Konsequenz der Laut- gesetze 61.

Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung 67

Bedeutungswandel auf Unterschiebung beruhend 67. Usuelle und okkasionelle Bedeutung 68. Abstrakte und konkrete Bedeutung 68. Mehrfache Bedeutung 69. Mittel, welche abstrakten Wörtern okkasionell konkrete Bedeutung geben 71. Mittel zur Spezialisierung der Bedeutung 74. Abweichung der okkasionellen Bedeutung von der usuellen auch dadurch möglich, dass erstere nicht alle Elemente der letzteren einschliesst 74. Uebertragung auf das räumlich, zeitlich oder kausal mit der usuellen Bedeutung Verknüpfte 76. Notwendig- keit einer Bestimmung für das Hinausgreifen über die Schranken der usuellen Bedeutung 76. Verschiedenheit des Verhältnisses zwischen usueller und okkasioneller Bedeutung in verschiedenen Sprachen 76. Veränderung des Usus aus der okkasionellen Modifikation entwickelt 77. Arten des Bedeutungswandels: Spezialisierung SU, Beschränkung auf einen Teil des ursprünglichen Inhalts 83, Metapher 85, Uebertragung auf das räumlich, zeitlich oder kausal mit der älteren Bedeutung Ver- knüpfte 89, andere Arten 92, Kombination der verschiedenen Arten 93. Bedeutungswandel in Wortgruppen 94. Abhängigkeit des Bedeutungs- inhalts von der Bildungsstufe des Einzelnen 93 und des ganzen Volkes 94.

Kap. Y. Analogie 96

Stoflf liehe und formale Gruppen 96. Proportionengruppen: stoff- lich-formale 97, etymologisch -lautliche 98, syntaktische 98. Wirk- samkeit der Proportionengruppen bei der Sprechthätigkeit (Analogie- bildung) 99, auf syntaktischem Gebiete lOü, in Wortbildung und Flexion 102. Abweichung des analogisch Gebildeten vom Usus 103. Analogiebildung auf dem Gebiete des Lautwechsels 107.

Kap. Tl. Die syntaktischen Grimdverliältnisse JIO

Satz zu definieren als sprachlicher Ausdruck für die Verbindung mehrerer Vorstellungen 110. Mittel zur Bezeichnung der Verbindung 100. Subjekt und Prädikat, psychologisches und grammatisches 111. Mittel zur Unterscheidung beider: Tonstärke, Wortstellung 113. Konkrete und abstrakte Sätze 114. Scheinbar eingliedrige Sätze 115. Verba Impersonalia 116. Negative Sätze 119. Aussage und Auf- forderungssätze 1 1 9. Fragesätze 121. Satzerweiterung 123. Doppeltes Subjekt oder Prädikat 123. Herabdrückuug des Prädikats zu einer Bestimmung 124. Unterschiede in der Funktion der Bestimmung 127. Prädikatives Attribut 128. Prädikat zum Prädikat 128. Verhältnis mehrerer Bestimmungen 128. Erweiterungen durch Verwendung eines Satzes als Subj. oder Obj. 130. Vereinigung von Selbständig-

VII

Seite

keit und Abhängigkeit 131. Indirekte Rede 132. Satz als Apposition zu einem Nomen 132, Nomen zu einem Satz 132. Parataxis 133. Stufenweise Annäherung an Hypotaxis 134. Uebergang von Auf- forderung und Frage in Hypotaxis 135.

Kap. VII. Bedeutungswandel auf syntaktischem (xebiet 137

Vergleichung mit dem Wandel der Wortbedeutung, Unterschied zwischen allgemeiner syntaktischer Beziehung und der Beziehung zu einem bestimmten Worte 137. Genitiv und regierendes Subst. 138. Objektsakkusativ 138. Rektion der Präpositionen 140. Apposition und gen. Partitivus 141. Subjekt zu Verben 141. Substant. und adjektivisches Präd. oder Attribut 142. Konjunktionen 144.

Kap. VIII. Kontamination 1 45

Begriff 145. Kontamination auf lautlichem Gebiet 145, auf syn- taktischem 148 ff. Momentane Anomalieen 148, usuelle 149 ff. Negation 153. Pleonasmus 155.

Kap. IX. Urschöpfung 157

Bedingungen zur Urschöpfung noch jetzt vorhanden 157. Sie hat niemals ganz aufgehört 158. Anwendung der auf andern Ge- bieten des Sprachlebens gewonnenen Erfahrungen auf die Urschöpfung 159. Der junge Sprachstoff hauptsächlich Bezeichnungen für Ge- räusche und Bewegungen 160. Interjektionen 162. Ammensprache 163. Die ersten Urschöpfungen ohne grammatische Kategorie 164, bezeichnen ganze Anschauungen 164, werden zunächst ohne Absicht der Mitteilung hervorgebracht 165. Unfähigkeit des Urmenschen zu willkürlicher Hervorbringuug von Sprachlauten 166. Reproduktion notwendig für den Begriff der Sprache 168. Unterschied der mensch- lichen und tierischen Sprache 168.

Kap. X. Isolierung und Reaktion dagegen . 170

Möglichkeit eines allgemeingültigen Systems der Gruppierung für jede Entwickelungsperiode 170. Wechsel in diesem System 170. Isolierung 171. Das System lediglich bedingt durch Uebereinstimmung in Lautgestalt and Bedeutung 171. Ursachen der Isolierung 171. Zerstörung der etymologisch-lauthchen Gruppen 171, der syntaktischen 172, der formalen und stofflichen a) durch den Bedeutungswandel 175, b) durch den Lautwandel 177. Reaktion mit Hülfe der Ausgleichung 179. Beseitigung der durch die Stellung im Satze entstandenen Doppelf ormigkeit 180. Ausgleichung zwischen lautlich differenzierten Formen aus gleichem Stamme oder Wörter aus gleicher Wurzel (stoffliche Ausgleich img im Gegensatz zu der formalen) 182. Un- gleichmässigkeiten im Eintreten derselben in Folge fördernder oder hemmender Umstände 183: Lautliche Momente 184, grössere oder geringere Festigkeit des Zusammenhanges 185, Intensität der ge- dächtnismässigen Einprägung 188, Mitwirken der formalen Gruppierung 189. Verwandlung eines zufällig entstandeneu bedeutungslosen Unter- schiedes in einen bedeutungsvollen 190. Verwandlung von Elementen des Wortstammes in Flexionsendungen 195. Unabsichtlichkeit aller lautlichen Differenzierung 196.

Kap. XI. Bildung neuer Gruppen 197

Tilgung von Unterschieden durch den Lautwandel 197. Ganz-

vni

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lieber Zusammenfall 197. Zusammentreten unverwandter Wörter zu stofflichen Gruppen: einfachste Art der Volksetymologie 198. Kom- pliziertere Art der Volksetymologie durch lautliche Umformung 200. Zusammenfall auf formalem Gebiete und Folgen dieses Zusammen- falls a) bei funktioneller Gleichheit 202 , b) bei funktioneller Ver- schiedenheit 208. Kap. XII. Eiufliiss der FunktioiiSTeränderiin^ auf die Analogiebildimg Eintritt in eine andere Gruppe verändert die Eichtung der Analogie- bildung 212. Folgen der Verwandlung eines Appellativums in einen Eigennamen 212. Uebertritt in eine andere Wortklasse 212. Ver- schmelzung einer syntaktischen Verbindung zu einer Worteinheit 214. Erstarrung 214. Einwirkung des Bedeutungswandels auf die Kon- struktion 216. Umdeutung einer Konstruktion unter dem Einflüsse einer synonymen 219. Kap. XIII. Verscliiebiiugen in der Gruppierung der etymologisch zu- sammenhängenden Wörter 220

Die Gruppierung der etymologisch zusammenhängenden Wörter und Formen in den Seelen einer späteren Generation muss vielfach anders ausfallen, als es der ursprünglichen Bildungsweise entsprechen würde ; die Folge davon ist Analogiebildung, die aus dem Gleise der ursprünglichen Bildungsgesetze heraustritt 220. Beispiele 220. Ver- schmelzung zweier Suffixe 223. Verschiebung der Beziehungen in der Komposition 225. Verschiebung in dem Verhältnis der ver- schiedenen Bedeutungen des gleichen Wortes 227.

Kap. XIV. Bedeutungsdiiferenzierung 229

Ursachen der Entstehung eines Ueberflusses in der Sprache 229. Tendenz zur Beseitigung alles Ueberflusses 229. Blosse negative Be- seitigung und positive Nutzbarmachung 230. Lautdifferenzierung zum Zwecke der Bedeutungsdifferenzierung nur scheinbar 231. Doppel- wörter 232. Verwandte Vorgänge in Folge partieller Gleichheit der Bedeutung 238. Syntaktische Differenzierung 239.

Kap. XV. Psych ologisclie und grammatische Kategorie 241

Die anfängliche Harmonie zwischen psychologischer und gram- matischer Kategorie wird im Laufe der Zeit gestört und sucht sich dann wieder herzustellen; die Beobachtung dieser Vorgänge giebt Belehrung über die ursprüngliche Entstehung der grammatischen Kategorieen 241. Die einzelnen Kategorieen: Geschlecht 241, Numerus 247, Tempus 250, Genus des Verbums 255.

Kap. XVI. Verschiebung der syntaktischen Gliederung 259

Widerstreit zwischen psychologischer und grammatischer Gliede- rung 259. Zweigliedrigkeit imd Vielgliedrigkeit 259. Psychologisches Prädikat 2Ö0, Subjekt und Bindeglieder 260. Satzglieder, die regel- mässig psychologisches Subj. oder Präd. sind 261. Umschreibungen zur Vermeidung des Widerstreits 269. Ausgleichung des Wider- streits 262. Psychologisches Verhältnis der adverbialen Bestimmungen 263. Seltenheit des Widerstreits in Sprachen von geringer formaler Ausbildung 264. Rollentausch zwischen dem Bestimmten und der Bestimmung 264. Auseinanderreissung des grammatisch eigentlich Zusammengehörigen: Adjektivum und abhängiger Genitiv 266, Sub-

IX

Seite

stantivum und Genitiv 267, Verbum und Adverbium 269, Infinitiv und davon abhängiges Glied 269. Entstehung der Verbindungswörter 270. Verwandhing von indirekter Beziehung in direkte 271. Ein Glied, was zu zwei verbundenen Gliedern gehört, wird zum ersten gezogen und zu der Vcrbindungspartikel in Relation gesetzt 272. Verschiebungen im zusammengesetzten Satz 273 ff. Uebergang von Abhängigkeit zur Selbständigkeit 274. Umkehrang des Verhältnisses von Haupt- und Nebensatz 275. Durchbrechung der Grenzen zwischen Haupt- und Nebensatz 275.

Kap. XVII. Kongruenz 280

Kongruenz ausgegangen von solchen Fällen, in denen die Ueber- ninstimmung des einen Wortes mit dem andern ohne Rücksichtnahme auf dasselbe sich ergeben hat, und von da analogisch auf andere Fälle übertragen 280. Fälle, in denen sekundäre Entstehung der Kon- gruenz historisch verfolgbar ist 280. Schwanken der Kongruenz zwischen zwei Satzteilen 283. Erste Grundlagen der Kongruenz 286.

Kap. XVIII. Sparsamkeit im Ausdruck 289

Sparsamere oder reichlichere Verwendung der sprachlichen Mittel vom Bedürfnis abhängig 289, Die Ansetzung von Ellipsen ist ent- weder auf ein Minimum einzuschränken oder aber anzuerkennen, dass es zum Wesen des sprachlichen Ausdrucks gehört elliptisch zu sein 289. Ergänzung aus dem Vorhergehenden oder Folgenden 290. Fehlen von Mittelgliedern 29l. Ergänzung aus der Situation 297.

Kap. XIX. Entstehung der Wortbildung und Flexion 301

Entstehungsweise der etymologischen Gruppen 301. Normale Entstehuugsweise alles Formellen in der Sprache ist die Komposition 301. Entstehung der Komposition aus den verschiedenartigsten Wort- gruppen 302. Relativität des Unterschiedes zwischen Kompositum und Wortgruppe 304. Die Ursache, wodurch eine Wortgruppe zum Kompositum wird, ist nicht engerer Anschluss in der Aussprache oder Accent, sondern eine Isolierung der Verbindung gegenüber ihren Teilen 305. Entstehung von Kompositis aus kopulativen Verbindungen 307, aus der Verbindung eines Substantivums mit einer Bestimmung 309, eines Verbums mit einem Adverbium 315, mit einem Objekts- akkusativ 317, mit einer präpositionellen Bestimmung 318. Komplexe, die ohne zusammengeschrieben zu werden doch Eigenschaften eines Kompositums zeigen 318. Koordination von Kompositionsglied und selbständigem Wort 318. Lautveränderungen mit isolierender Wir- kung 319. Grenzen, innerhalb deren ein Kompositum noch als solches erscheint 321. Ursprung der Ableitungs- und Flexionssuffixe 322. Kritik der Analyse indogermanischer Grundformen 325.

Kap. XX. Die Scheidung der Redeteile 327

Die Scheidung der Redeteile beruht nicht auf streng durch- geführten logischen Prinzipien 327. Berücksichtigt sind dabei Be- deutung an sich, Funktion im Satzgefüge, Verhalten in Bezug auf Flexion und Wortbildung 327. Kritik der üblichen Einteilung 327. Zwischenstufen und Uebergang zwischen den einzelnen Redeteilen 330 if. Subst. und Adj. 330. Nomen und Verbum 335. Partizipium 336.

Seite

Nomen agentis 338. Nomen actionis 338. Infinitiv 338. Adverbium und Adjektivum 340. Präpositionen und Konjunktionen 343.

Kap. XXI. Sprache und Schrift 348

Vorzüge und Mängel der Schrift gegenüber der Kede 348. Leistungsfähigkeit der üblichen Alphabete 349. Verdeckung der mund- artlichen Verschiedenheiten durch die Schrift 352. Unfähigkeit der Schrift als Kontrolle gegen Lautveränderungen zu dienen 355. Ver- selbständigung der Schrift gegen die Aussprache 355, im Zusammen- hange mit der Entwickeluug zu grösserer Konstanz in der Sehreibung 356. Mittel zur Erreichung dieser Konstanz 358. Beseitigung des Schwankens zwischen gleichwertigen Lautzeichen 35S. Einwirkung der Etymologie 360. Zurückbleiben der Schrift hinter der Aus- sprache 363.

Kap. XXII. Sprachmischung 365

Sprachmischung im weitern und engern Sinne 365. Mischung verschiedener Sprachen, Mundarten, Zeitstufen 365. Ausgang der Mischung von den einzelnen Individuen 365. Zweisprachigkeit 366. Zwei Hauptarten der Beeinflussung durch ein fremdes loiom 367. A) Aufnahme fremden Sprachmaterials 367 ff. Veranlassungen zur Aufnahme fremder Wörter 367. Stufen der Einbürgerung 368. Be- handlung des fremden Lautmaterials 368. Assimilierung der schon aufgenommenen Wörter 370. Mehrfache Entlehnung des nämlichen Wortes 372. Wiederangleichung eines Lehnwortes au sein Original 372. Konkurrenz mehrerer Sprachen bei der Entlehnung 373. Pleo- nastische Verbindung eines einheimischen Suffixes mit einem fremden 374. Entlehnung von Ableitungs- und Flexionssuffixen 374. B) Be- einflussung der inneren Sprachform 375 ff. Dialektmischung 376. Entlehnung aus einer älteren Sprachstufe 377.

Kap. XXIII. Die Oemeiiisprache 378

Die Geinsprache nichts Reales, sondern nur eine ideale Norm 378, bestimmt durch den Usus eines engen Kreises 379. Schriftsprache und Umgangssprache 379. Bühnensprache 380. Regelung der Schrift- sprache 381. Diskrepanz zwischen Schrift- und Umgangssprache 384. Natürliche und künstliche Sprache 385. Verschiebungen in dem Verhältnisse der Individuen zur Gemeinsprache 386. Zwischenstufen zwischen Gemeinsprache und Mundart 390. Entstehung der Gemein- sprache 391.

Terzeichnis von Abkürzungen.

Andr. Volkset. = Andresen über deutsche Volksetymologie. Vierte Auflage. Heilbronn 1883. Andr. Spr. = Andresen, Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit im Deutschen. Dritte Auflage. Heilbronn 1883. Delbrück SF. = Delbrück, Syntaktische Forschungen. Delbrück, Syntax = Delbrück, Vergleichende Syntax der indogermanischen Sprachen, Strassburg 1893 ff. Diez = Diez, Grammatik der romanischen Sprachen. (Vierte Auflage). Draeg. oder Draeger = Draeger, Historische Syntax der lateinischen Sprache. (Zweite Auflage). DWB. = Deutsches Wörterbuch von Jac. und Wilh. Grimm. Goe. = Goethe. Le. = Lessing. Lu. = Luther. Madvig, Kl. Sehr. = Madvig, Kleine Schriften.

Mätzner engl. = Mätzner Englische Grammatik. (Zweite Auflage). Mätzner franz. = Mätzner, Syntax der neufranzösischen Sprache. Michaelis = Caroline Michaelis, Romanische Wortschöpfung. Morph. Unt. = Morphologische Untersuchungen auf dem Gebiete der indo- germanischen Sprachen von Osthoff und Brugmann. Schi. = Schiller Sh. = Shakespear. Steinthal, Haupttyp. oder Typen = Steinthal, Charakteristik der Haupttypen des menschlichen Sprachbaus. Wegener = Wegener, Untersuchungen über die Grundfragen des Sprach- lebens, Halle 1885. Ziemer = Ziemer, Jnnggrammatische Streifzüge im Gebiete der Syntax. Colberg 1882. Ziemer, Comp. = Ziemer, Vergleichende Syntax der indogermanischen Kom- paration Berlin 1884, Zschr. f. Völkerps. = Zeitschrift für Völkerpsychologie , herausg. von Lazarus und Steinthal.

Einleitung.

Uie Sprache ist wie jedes Erzeugnis menschlicher Kultur ein Gegenstand der geschichtlichen Betrachtung; aber wie jedem Zweige der Geschichtswissenschaft so muss auch der Sprachgeschichte eine Wissenschaft zur Seite stehen, welche sich mit den allgemeinen Lebensbedingungen des geschichtlich sich entwickelnden Ob- jektes beschäftigt, welche die in allem Wechsel gleichmässig vorhandenen Faktoren nach ihrer Natur und Wirksamkeit untersucht. Es fehlt für diese Wissenschaft eine allgemein gültige und passende Bezeichnung. Unter Sprachphilosophie versteht man in der Regel doch etwas anderes. Und ausserdem dürfte es vielleicht aus einem Grunde geraten sein diesen Ausdruck lieber zu vermeiden. Unser unphilosophisches Zeitalter wittert darunter leicht metaphysische Speku- lationen, von denen die historische Sprachforschung keine Notiz zu nehmen brauche. In Wahrheit aber ist das, was wir im Sinne haben, nicht mehr und nicht minder Philosophie als etwa die Physik oder die Physiologie. Am allerwenigsten darf man diesem allgemeinen Teile der Sprachwissenschaft den historischen als den empirischen gegenüber- stellen. Der eine ist gerade so empirisch wie der andere.

Nur selten genügt es zum Verständnis der geschichtlichen Ent- wickelung eines Gegenstandes die Gesetze einer einzelnen einfachen Experimentalwissenschaft zu kennen ; vielmehr liegt es in der Natur aller geschichtlichen Bewegung, zumal wo es sich um irgend einen Zweig menschlicher Kultur handelt, dass dabei sehr verschiedenartige Kräfte, deren Wesen zu ergründen die Aufgabe sehr verschiedener Wissenschaften ist, gleichzeitig in stätiger Wechselwirkung ihr Spiel treiben. Es ist somit natürlich, dass eine solche allgemeine Wissen- schaft, wie sie einer jeden historischen Wissenschaft als genaues Pendant gegenübersteht, nicht ein derartig abgeschlossenes Ganze darstellen kann, wie die sogenannten exakten Naturwissenschaften, die Mathe- matik oder die Psychologie. Vielmehr bildet sie ein Konglomerat, das aus verschiedenen reinen Gesetzwissenschaften oder in der Regel aus

Paul, Prinzipien. III. Auflage. "[

2 Einleitung.

Segmenten solcher Wissenschaften zAisammengesetzt ist. Man wird vielleicht Bedenken tragen einer solchen Zusammenstellung, die immer den Charakter des Zufälligen an sich trägt, den Namen einer Wissen- schaft beizulegen. Aber mag man darüber denken, wie man will, das geschichtliche Studium verlangt nun einmal die vereinigte Beschäftigung mit so disparaten Elementen als notwendiges Hülfsmittel, wo nicht selbständige Forschung, so doch Aneignung der von andern gewonnenen Resultate. Man würde aber auch sehr irren, wenn man meinte, dass mit der einfachen Zusammensetzung von Stücken verschiedener Wissen- schaften schon diejenige Art der Wissenschaft gegeben sei, die wir hier im Auge haben. Nein, es bleiben ihr noch Aufgaben, um welche sich die Gesetzeswissenschaften, die sie als Hülfsmittel benutzt, nicht be- kümmern. Diese vergleichen ja die einzelnen Vorgänge unbekümmert um ihr zeitliches Verhältnis zu einander lediglich aus dem Gesichts- punkte die Uebereinstimmungen und Abweichungen aufzudecken und mit Hülfe davon das in allem Wechsel der Erscheinungen ewig sich gleich bleibende zu finden. Der Begriff der Entwickelung ist ihnen völlig fremd, ja er scheint mit ihren Prinzipien unvereinbar, und sie stehen daher in schroffem Gegensatze zu den Geschichtswissenschaften. Diesen Gegensatz zu vermitteln ist eine Betrachtungsweise erforderlich, die mit mehr Recht den Namen einer Geschichtsphilosophie verdienen würde, als das, was man gewöhnlich damit bezeichnet. Wir wollen aber auch hier das Wort Pliilosophie lieber vermeiden und uns der Bezeichnung Prinzipien Wissenschaft bedienen. Ihr ist das schwierige Problem gestellt: wie ist unter der Voraussetzung konstanter Kräfte und Ver- hältnisse doch eine geschichtliche Entwickelung möglich, ein Fortgang von den einfachsten und primitivsten zu den kompliziertesten Gebilden? Ihr Verfahren unterscheidet sich noch in einer andern Hinsieht von dem der Gesetzeswissenschaften, worauf ich schon oben hindeutete. Während diese naturgemäss immer die Wirkung jeder einzelnen Kraft aus dem allgemeinen Getriebe zu isolieren streben, um sie für sich in ihrer reinen Natur zu erkennen, und dann durch Aneinanderreihen des Gleichartigen ein System aufbauen, so hat im Gegenteil die geschichtliche Prinzipienlehre gerade das Ineinandergreifen der einzelnen Kräfte ins Auge zu fassen, zu untersuchen, wie auch die verschiedenartigsten, um deren Verhältnis zu einander sich die Gesetzeswissenschaften so wenig als möglich kümmern, durch stätige Wechselwirkung einem gemein- samen Ziele zusteuern können. Selbstverständlich muss man, um das Ineinandergreifen des Mannigfaltigen zu verstehen, möglichst klar da- rüber sein, welche einzelnen Kräfte dabei thätig sind, und welches die Natur ihrer Wirkungen ist. Dem Zusammenfassen muss das Isolieren vorausgegangen sein. Denn so lange man noch mit unaufgelösteu

Betriff der Prinzipienwissenschaft. 3

Komi)likatioiien rechnet, ist man noch nicht zu einer wissenschaftlichen Verarbeitung des Stoffes durchgedrungen. Es ist somit klar dass die Prinzi])ienwissenschaft in unserm Siime zwar auf der Basis der experi- mentellen Gesetzeswissenschaften (wozu ich natürlich auch die Psycho- logie rechne) ruht, aber doch auch ein gewichtiges Mehr enthält, was uns eben berechtigt ihr eine selbständige Stellung neben jenen anzuweisen.

Diese grosse Wissenschaft teilt sich in so viele Zweige, als es Zweige der speziellen Geschichte giebt, Geschichte hier im w^eitesten Sinne genommen und nicht auf die Entwickelung des Menschenge- schlechtes beschränkt. Es ist von vornherein zu vermuten, dass es gewisse allgemeine Grundbedingungen geben wird, welche für jede Art der geschichtlichen Entfaltung die notwendige Unterlage bilden; noch sicherer aber ist, dass durch die besondere Natur eines jeden Objektes seine Entwickelung in besonderer Weise bedingt sein muss. Wer es unternimmt die Prinzipien irgend einer einzelnen geschichtlichen Dis- ziplin aufzustellen, der muss auf die übrigen, zumal die nächstver- w^andten Zweige der Geschichtswissenschaft beständige Rücksicht nehmen, um so die allgemeinsten leitenden Gesichtspunkte zu erfassen und nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Aber er muss sich auf der andern Seite davor hüten sich in blosse Allgemeinheiten zu verirren und darüber die genaue Anpassung an den speziellen Fall zu versäumen, oder die auf andern Gebieten gewonnenen Resultate in bildlicher An- wendung zu übertragen, wodurch die eigentlich zu ergründenden reellen Verhältnisse nur verdeckt werden.

Erst durch die Begründung solcher Prinzipien Wissenschaften erhält die spezielle Geschichtsforschung ihren rechten Wert. Erst dadurch erhebt sie sich über die Aneinanderreihung scheinbar zufälliger Daten und nähert sich in Bezug auf die allgemeingültige Bedeutung ihrer Resultate den Gesetzeswissenschaften, die ihr gar zu gern die Eben- bürtigkeit streitig machen möchten. Wenn so die Prinzipien Wissenschaft als das höchste Ziel erscheint, auf welches alle Anstrengungen der SpezialWissenschaft gerichtet sind, so ist auf der andern Seite wieder die erstere die unentbehrliche Leiterin der letzteren, ohne welche sie mit Sicherheit keinen Schritt thun kann, der über das einfach Gegebene hinausgeht, welches doch niemals anders vorliegt als einerseits frag- mentarisch, anderseits in verwickelten Komplikationen, die erst gelöst werden müssen. Die Aufhellung der Bedingungen des ge- schichtlichen Werdens liefert neben der allgemeinen Logik zugleich die Grundlage für die Methodenlehre, welche bei der Feststellung jedes einzelnen Faktums zu befolgen ist.

§ 2. Man hat sich bisher keineswegs auf allen Gebieten der his- torischen Forschung mit gleichem Ernst und gleicher Gründlichkeit um die

1*

4 Einleitung.

Prinzipienfragen bemüht. Für die liistorischen Zweige der Xaturwissen* Schaft ist dies in viel höherem Masse geschehen als für die Kultur- geschichte. Ursache ist einerseits, dass sich bei der letzteren viel grössere Schwierigkeiten in den Weg stellen. Sie hat es im allgemeinen mit viel komplizierteren Faktoren zu thun, deren Gewirr, so lange es nicht aufgelöst ist, eine exakte Erkenntnis des Kausalzusammenhangs unmöglich macht. Dazu kommt, dass ihre wichtigste Unterlage, die experimentelle Psychologie eine Wissenschaft von sehr jungem Datum ist, die man nur eben angefangen hat in Beziehung zur Geschichte zu setzen. Anderseits aber ist in dem selben Masse, wie die Schwierigkeit eine grössere, das Bedürfnis ein geringeres oder mindestens weniger fühlbares gewesen. Für die Geschichte des Menschengeschlechts haben immer von gleichzeitigen Zeugen herstammende, wenn auch vielleicht erst mannigfach vermittelte Berichte über die Thatsachen als eigentliche Quelle gegolten und erst in zweiter Linie Denkmäler, Produkte der menschlichen Kultur, die annähernd die Gestalt bewahrt haben, welche ihnen diese gegeben hat. Ja man spricht von einer historischen und einer prähistorischen Zeit, und bestimmt die Grenze durch den Beginn der historischen Ueberlieferung. Für die erstere ist daher das Bild einer geschichtlichen Entwickelung bereits gegeben, so entstellt es auch sein mag, und es ist leicht begreiflich, wenn die Wissenschaft mit einer kritischen Reinigung dieses Bildes sich genug gethan zu haben glaubt und sogar geflissentlich alle darüber hinaus gehende Spekulation von sich abweist. Ganz anders verhält es sich mit der prähistorischen Periode der menschlichen Kultur und gar mit der Entwickelungs- geschichte der organischen und anorganischen Natur, die in unendlich viel ferner liegende Zeiten zurückgreift. Hier ist auch kaum das ge- ringste geschichtliche Element als solches gegeben. Alle Versuche einer geschichtlichen Erfassung bauen sich, abgesehen von dem Wenigen, was von den Beobachtungen früherer Zeiten überliefert ist, lediglich aus Rückschlüssen auf Und es ist überhaupt gar kein Resultat zu gewinnen ohne Erledigung der prinzipiellen Fragen, ohne Feststellung der all- gemeinen Bedingungen des geschichtlichen Werdens. Diese prinzipiellen Fragen haben daher immer im Mittelpunkte der Untersuchung gestanden, um sie hat sich immer der Kampf der Meinungen gedreht. Gegen- wärtig ist es das Gebiet der organischen Natur, auf welchem er am lebhaftesten geführt wird, und es muss anerkannt werden, dass hier die für das Verständnis aller geschichtlichen Entwickelung, auch der des Menschengeschlechtes fruchtbarsten Gedanken zuerst zu einer ge- wissen Klarheit gediehen sind.

Die Tendenz der Wissenschaft geht jetzt augenscheinlich dahin diese spekulative Betrachtungsweise auch auf die Kulturgeschichte aus-

Wert der Prinzipienwissenschaft. 5

zudehnen, und wir sind überzeugt, dass diese Tendenz mehr und mehr durchdringen wird trotz allem aktiven und passiven Widerstände, der dagegen geleistet wird. Dass eine solche Behandlungsweise für die Kulturwissenschaft nicht gleich unentbehrliches Bedürfnis ist wie für die Naturwissenschaft, und dass man von ihr für die erstere nicht gleich weit gehende Erfolge erwarten darf wie für die letztere, haben wir ja bereitwillig zugegeben. Aber damit sind wir nicht der Ver- pflichtung enthoben genau zu prüfen, wie w^eit wir gelangen können, und selbst das eventuelle negative Resultat dieser Prüfung, die genaue Fixierung der Schranken unserer Erkenntnis ist unter Umständen von grossem Werte. Wir haben aber auch noch gar keine Ursache daran zu verzweifeln, dass sich nicht wenigstens für gewisse Gebiete auch bedeutende positive Resultate gewinnen Hessen. Am wenigsten aber darf man den methodologischen Gewinn geringschätzen, der aus einer Klarlegung der Prinzipienfragen erwächst. Man befindet sich in einer Selbsttäuschung, wenn man meint das einfachste historische Faktum ohne eine Zuthat von Spekulation konstatieren zu können. Man spekuliert eben nur unbewusst, und es ist einem glücklichen Instinkte zu verdanken, wenn das Richtige getroffen wird. Wir dürfen wohl be- haupten, dass bisher auch die gangbaren Methoden der historischen Forschung mehr durch Instinkt gefunden sind als durch eine auf das innerste Wesen der Dinge eingehende allseitige Reflexion. Und die natürliche Folge davon ist, dass eine Menge Willkürlich keiten mit unter- laufen, woraus endloser Streit der Meinungen und Schulen entsteht. Hieraus giebt es nur einen Ausweg: man muss mit allem Ernst die Zurückführung dieser Methoden auf die ersten Grundprinzipien in An- griff nehmen und alles daraus beseitigen, was sich nicht aus diesen ableiten lässt. Diese Prinzipien aber ergeben sich, soweit sie nicht rein logischer Natur sind, eben aus der Untersuchung des Wesens der historischen Entwickelung.

§ 3. Es giebt keinen Zweig der Kultur, bei dem sich die Bedingungen der Entwickelung mit solcher Exaktheit erkennen lassen als bei der Sprache, und daher keine Kulturwissenschaft, deren Methode zu solchem Grade der Vollkommenheit gebracht werden kann wie die der Sprach- wissenschaft. Keine andere hat bisher so weit über die Grenzen der Ueberlieferung hinausgreifen können, keine andere ist in dem Masse spekulativ und konstruktiv verfahren. Diese Eigentümlichkeit ist es hauptsächlich, wodurch sie als nähere Verwandte der historischen Natur- wissenschaften erscheint, was zu der Verkehrtheit verleitet hat sie aus dem Kreise der Kulturwissenschaften ausschli essen zu wollen. Trotz dieser Stellung, welche die Sprachwissenschaft schon seit ihrer Be- gründung einnahm, gehörte noch viel dazu ihre Methode allmählich

6 Eiüleitimg.

bis zu demjenigen Grade der Vollkommenheit auszubilden, dessen sie fähig- ist. Besonders seit dem Ende der siebenziger Jahre suchte sich eine Richtung Bahn zu brechen, die auf eine tiefgreifende Umgestaltung der Methode hindrängte. Bei dem Streite, der sich darüber entspann, trat deutlich zu Tage, wie gross noch bei vielen Sprachforschern die Unklarheit über die Elemente ihrer Wissenschaft war. Eben dieser Streit hat auch die nächste Veranlassung zur Entstehung dieser Ab- handlung gegeben. Sie wollte ihr möglichstes dazu beitragen eine Klärung der Anschauungen herbeizuführen und eine Verständigung wenigstens unter allen denjenigen zu erzielen, welche einen offenen Sinn für die Wahrheit mitbringen. Es war zu diesem Zwecke erforderlich möglichst allseitig die Bedingungen des Sprachlebens darzulegen und somit überhaupt die Grundlinien für eine Theorie der Sprachentwickelung zu ziehen.

§ 4. Wir scheiden die historischen Wissenschaften im weiteren Sinne in die beiden Hauptgruppen: historische Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften. Als das charakteristische Kennzeichen der Kultur müssen Avir die Bethätigung psychischer Faktoren bezeichnen. Dies scheint mir die einzig mögliche exakte Abgrenzung des Gebietes gegen die Objekte der reinen Naturwissenschaft zu sein. Demnach müssen wir allerdings auch eine tierische Kultur anerkennen, die Ent- wickelungsgeschichte der Kunsttriebe und der gesellschaftlichen Orga- nisation bei den Tieren zu den Kulturwissenschaften rechnen. Für die richtige Beurteilung dieser Verhältnisse dürfte das nur förderlich sein.

Das psychische Element ist der wesentlichste Faktor in aller Kulturbewegung, um den sich alles dreht, und die Psychologie ist daher die vornehmste Basis aller in einem höheren Sinne gefassten Kulturwissenschaft. Das Psychische ist darum aber nicht der einzige Faktor; es giebt keine Kultur auf rein psychischer Unterlage, und es ist daher mindestens sehr ungenau die Kulturwissenschaften als Geisteswissenschaften zu bezeichnen. In Wahrheit giebt es nur eine reine Geisteswissenschaft, das ist die Psychologie als Gesetzwissenschaft. SoAvie wir das Gebiet der historischen Entwickelung betreten, haben wir es neben den psy- chischen mit physischen Kräften zu thun. Der menschliche Geist muss immer mit dem menschlichen Leibe und der umgebenden Natur zusammenwirken um irgend ein Kulturprodukt hervorzubringen, und die Beschaffenheit desselben, die Art, wie es zu stände kommt, hängt eben so w^ohl von physischen als von psychischen Bedingungen ab; die einen wie die andern zu kennen ist notwendig für ein vollkommenes Verständnis des geschichtlichen Werdens. Es bedarf daher neben der Psychologie auch einer Kenntnis der Gesetze, nach denen sich die

Aufgaben clt3r Prinzipien lehre. 7

physischen Faktoren der Kultur bewegen. Auch die Naturwissenschaften und die Mathematik sind eine notwendige Basis der Kulturwissen- schaften. Wenn uns das im allgemeinen nicht zum Bewusstsein kommt, so liegt das daran, dass wir uns gemeiniglich mit der unwissen- schaftlichen Beobachtung des täglichen Lebens begnügen und damit auch bei dem, was man gewöhnlich unter Geschichte versteht, leidlich auskommen. Ist es doch dabei mit dem Psychischen auch nicht anders und namentlich bis auf die neueste Zeit nicht anders gewesen. Aber undenkbar ist es, dass man ohne eine Summe von Erfahrungen über die physische Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Vorganges irgend ein Ereignis der Geschichte zu verstehen oder irgend welche Art von historischer Kritik zu üben im stände wäre. Es ergiebt sich demnach als eine Hauptaufgabe für die Prinzipienlehre der Kultur- wissenschaft, die allgemeinen Bedingungen darzulegen, unter denen die psychischen und physischen Faktoren, ihren eigenartigen Gesetzen folgend, dazu gelangen zu einem ge- meinsamen Zwecke zusammenzuwirken.

§ 5. Etwas anders stellt sich die Aufgabe der Prinzipienlehre von folgendem Gesichtspunkte aus dar. Die Kulturwissenschaft ist immer Gesellschaftswissenschaft. Erst Gesellschaft ermöglicht die Kultur, erst Gesellschaft macht den Menschen zu einem geschichtlichen Wesen. Gewiss hat auch eine ganz isolierte Menschenseele ihre Ent- wickelungsgeschichte, auch rücksichtlich des Verhältnisses zu ihrem Leibe und ihrer Umgebung, aber selbst die begabteste vermöchte es nur zu einer sehr primitiven Ausbildung zu bringen, die mit dem Tode abgeschnitten wäre. Erst durch die Uebertragung dessen, was ein Individuum gewonnen hat, auf andere Individuen und durch das Zu- sammenwirken mehrerer Individuen zu dem gleichen Zwecke wird ein Wachstum über diese engen Schranken hinaus ermöglicht. Auf das Prinzip der Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung ist nicht nur die wirtschaftliche, sondern jede Art von Kultur basiert. Die eigentüm- lichste Aufgabe, welche der kulturwissenschaftlichen Prinzipienlehre zufällt und wodurch sie ihre Selbständigkeit gegenüber den grund- legenden Gesetzes Wissenschaften behauptet, dürfte demnach darin be- stehen, dass sie zu zeigen hat, wie die Wechselwirkung der Individuen auf einander vor sich geht, wie sich der einzelne zur Gesamtheit verhält, empfangend und gebend, bestimmt und bestimmend, wie die jüngere Generation die Erbschaft der älteren antritt.

Nach dieser Seite hin kommt übrigens der Kulturgeschichte schon die Entwickelungsgeschichte der organischen Natur sehr nahe. Jeder höhere Organismus kommt durch Assoziation einer Menge von Zellen zu stände, die nach dem Prinzipe der Arbeitsteilung zusammenwirken

8 Einleitung.

und diesem Prinzipe gemäss in ihrer Konfiguration differenziert sind. Auch schon innerhalb der Einzelzelle, des elementarsten organischen Gebildes, ist dies Prinzip wirksam, und durch dasselbe Erhaltung der Form im Wechsel des Stoifes möglich. Jeder Organismus geht früher oder später zu Grunde, kann aber Ablösungen aus seinem eigenen Wesen hinterlassen, in denen das formative Prinzip, nach welchem er selbst gebildet w^ar, lebendig fortwirkt, und dem jeder Fortschritt, welcher ihm in seiner eigenen Bildung gelungen ist, zu gute kommt, falls nicht störende Einflüsse von aussen dazwischen treten.

§ 6. Es dürfte scheinen, als ob unsere Prinzipienlehre der Ge- sellschaftswissenschaft ungefähr das gleiche sei wie das, was Lazarus und Steinthal Völkerpsychologie nennen, und was sie in ihrer Zeitschrift zu vertreten suchen. Indessen fehlt viel, dass beides sich deckte. Aus unsern bisherigen Erörterungen geht schon hervor, dass unsere Wissenschaft sich sehr viel mit Nichtpsychologischem zu befassen hat. Wir können die Einwirkungen, welche der einzelne. von der Gesell- schaft erfährt, und die er seinerseits in Verbindung mit den andern ausübt, unter vier Hauptkategorieen bringen. Erstens: es werden in ihm psychische Gebilde, Vorstellungskomplexe erzeugt, zu denen er, ohne dass ihm von den andern vorgearbeitet wäre, niemals oder nur sehr viel langsamer gelangt w^äre. Zweitens: er lernt mit den ver- schiedenen Teilen seines Leibes gewisse zweckmässige Bewegungen ausführen, die eventuell zur Bewegung von fremden Körpern, Werkzeugen dienen; auch von diesen gilt, dass er sie ohne das Vorbild anderer vielleicht gar nicht, vielleicht langsamer gelernt hätte. Wir befinden uns also hier auf physiologischem Gebiete, aber immer zugleich auf psychologischem. Die Bewegung an sich ist physiologisch, aber die Erlangung des Vermögens zu willkürlicher Regelung der Bewegung, worauf es hier eben ankommt, beruht auf der Mitwirkung psychischer Faktoren. Drittens: es werden mit Hülfe des menschlichen Leibes bearbeitete oder auch nur von dem Orte ihrer Entstehung zu irgend einem Dienste verrückte Naturgegenstände, die dadurch zu Werkzeugen oder Kapitalien werden, von einem Individuum auf das andere, von der älteren Generation auf die jüngere übertragen, und es findet eine gemeinsame Beteiligung verschiedener Individuen bei der Bearbeitung oder Verrückung dieser Gegenstände statt. Viertens: die Individuen üben auf einander einen physischen Zwang aus, der allerdings eben so wohl zum Nachteil wie zum Vorteil des Fortschrittes sein kann, aber vom Wesen der Kultur nicht zu trennen ist.

Von diesen vier Kategorieen ist es jedenfalls nur die erste, mit welcher sich die Völkerpsychologie im Sinne von Lazarus -Steinthal beschäftigt. Es könnte sich also damit auch nur ungefähr derjenige

Kritik des Begriffes „V<)lkerpsychologie". 9

Teil unserer Prinzipienlebre decken, der sieh auf diese erste Kategorie bezieht. Aber abgesehen davon, dass dieselbe nicht bloss isoliert von den übrigen betrachtet werden darf, so bleibt auch ausserdem das, was ich im Sinne habe, sehr verschieden von dem, was Lazarus und Steinthal in der Einleitung zu ihrer Zeitschrift (Bd. I, S. 1 73) als die Aufgabe der Völkerpsychologie bezeichnen.

So sehr ich das Verdienst beider Männer um die Psychologie und speziell um die psychologische Betrachtungsweise der Geschichte anerkennen muss, so scheinen mir doch die in dieser Einleitung auf- gestellten Begriffsbestimmungen nicht haltbar, zum Teil verwirrend und die realen Verhältnisse verdeckend. Der Grundgedanke, welcher sich durch das Ganze hindurchzieht, ist der, dass die Völkerpsychologie sich gerade so teils zu den einzelnen Völkern, teils zu der Menschheit als Ganzes verhalte wie das, was man schlechthin Psychologie nennt, zum einzelnen Menschen. Eben dieser Grundgedanke beruht meiner Ueberzeugung nach auf mehrfacher logischer Unterschiebung. Und die Ursache dieser Unterschiebung glaube ich darin sehen zu müssen, dass der funtamentale Unterschied zwischen Gesetzeswissenschatt und Geschichtswissenschaft nicht festgehalten i) wird, sondern beides immer unsicher in einander überschwankt.

^) Angedeutet ist dieser Unterschied allerdings, S. 25ff., wo zwischen den 'synthetischen, rationalen' und den 'beschreibenden' Disziplinen der Naturwissen- schaft unterschieden und eine entsprechende Einteüung der Völkerpsychologie ver- sucht wird. Aber vöUige Verwirrung herrscht z.B. S. 15 ff. Aus der Thatsache, dass es nur zwei Formen alles Seins und Werdens giebt, Natur und Geist, folgern die Verfasser, dass es nur zwei Klassen von realen Wissenschaften geben könne, eine, deren Gegenstand die Natur, und eine, deren Gegenstand der Geist sei. Dabei wird also nicht berücksichtigt, dass es auch Wissenschaften geben könne, die das Ineinanderwirken von Natur und Geist zu betrachten haben. Noch bedenklicher ist es, wenn sie dann fortfahren: 'Demnach stehen sich gegenüber Naturgeschichte und Geschichte der Menschheit.' Hier muss zunächst Geschichte in einem ganz andern Sinne gefasst sein, als den man gewöhnlich mit dem Worte verbindet, als Wissen- schaft von dem Geschehen, den Vorgängen. Wie kommt aber mit einem male 'Mensch' an die Stelle von 'Geist'. Beides ist doch weit entfernt sich zu decken. Weiter wird zwischen Natur und Geist der Unterschied aufgestellt, dass die Natur sich in ewigem Kreislauf ihrer gesetzmässigen Prozesse bewege, wobei die ver- schiedenen Läufe vereinzelt, jeder für sich blieben, wobei immer nur das schon da- gewesene wiedererzeugt würde und nichts neues entstünde, während der Geist in einer Eeihe zusammenhängender Schöpfungen lebe, eioen Fortschritt zeige. Diese Unterscheidung, in dieser Allgemeinheit hingestellt, ist zweifellos unzutreffend. Auch die Natur, die organische mindestens sicher, bewegt sich in einer Eeihe zusammen- hängender Schöpfungen, auch in ihr giebt es einen Fortschritt. Anderseits bewegt sich auch der Geist (das ist doch auch die Anschauung der Verfasser) in einem gesetzmässigen Ablauf, in einer ewngen Wiederholung der gleichen Grundprozesse. Es sind hier zwei Gegensätze konfundiert, die völlig auseinander gehalten werden

10 Einleitimg.

Der Begriff der Völkerpsychologie selbst schwankt zwischen zwei wesentlich verschiedenen Anffassungen. Einerseits wird sie als die Lehre von den allgemeinen Bedingungen des geistigen Lebens in der Gesellschaft gefasst, anderseits als Charakteristik der geistigen Eigen- tümlichkeit der verschiedenen Völker und Untersuchung der Ursachen, aus denen diese Eigentümlichkeit entsprungen ist. S. 25 ff. werden diese beiden verschiedenen Auflassungen der Wissenschaft als zwei Teile der Gesamt Wissenschaft hingestellt, von denen der erste die synthetische Grundlage des zweiten bildet. Nach keiner von beiden Auffassungen steht die Völkerpsychologie in dem angenommenen Ver- hältnis zur Individualpsychologie.

Halten Avir uns zunächst an die zweite, so kann der Charak- teristik der verschiedenen Völker doch nur die Charakteristik ver- schiedener Individuen entsprechen. Das nennt man aber nicht Psy- chologie. Die Psychologie hat es niemals mit der konkreten Gestaltung einer einzelnen Menschenseele, sondern nur mit dem allgemeinen Wesen der seelischen A'orgänge zu thun. AVas berechtigt uns daher den Namen dieser Wissenschaft für die Beschreibung einer konkreten Gestaltung der geistigen Eigentümlichkeit eines Volkes zu gebrauchen V Was die Verf. im Sinne haben, ist nichts anderes als ein Teil, und zwar der wichtigste, aber eigentlich nicht isolierbare Teil dessen, was man sonst Kulturgeschichte oder Philologie genannt hat, nur auf psychologische Grundlage gestellt, wie sie heutzutage für alle kulturgeschichtliche Forschung verlangt werden muss. Es ist aber keine Gesetzwissenschaft wie die Psychologie und keine Prinzipienlehre oder, um den Ausdruck der Verf. zu gebrauchen keine synthetische Grundlage der Kultur- geschichte.

Die unrichtige Parallelisierung hat noch zu weiteren bedenklichen Konsequenzen geführt. Es handelt sich nach den Verfassern in der Völkerpsychologie 'um den Geist der Gesamtheit, der noch verschieden ist von allen zu derselben gehörenden einzelnen Geistern, und der sie alle beherrscht' (8. 5). AVeiter heisst es (S. 11): Die Verhältnisse, welche die Völkerpsychologie betrachtet, liegen teils im Volksgeiste, als einer Einheit gedacht, zwischen den Elementen desselben (wie z. B. das Ver- hältnis zwischen Religion und Kunst, zwischen Staat und Sittlichkeit,

müssen, der zwischen Natur und Geist einerseits nnd der zwischen gesetzmässigem Prozess und geschichtlicher Entwickehmg anderseits. Nur von dieser Konfusion aus ist es zu begreifen, dass es die Verf. überhaupt haben in Frage ziehen können, ob die Psychologie zu den Natur- oder zu den Geisteswissenschaften gehöre, und dass sie schliesslich dazu kommen ihr eine Mittelstellung zwischen beiden anzuweisen. Diese Konfusion ist freilich die hergebrachte, von der man sich aber endlich los- reissen sollte nach den Fortschritten, welche die Psychologie einerseits, die Wissen- schaft von der organischen Natur anderseits gemacht hat.

Kritik des Begriffes „Völlicrpsycliolügie". 11

Spraelic und Intelligenz u. dgl. m.), teils zwischen den Eiiizelgeiöteni, die das Volk bilden. Es treten also hier die selben Grimdprozesse hervor, wie in der individuellen Psychologie, nur komplizierter oder ausgedehnter'. Das heisst durch Ilypostasierung einer Keihe von Ab- straktionen das wahre Wesen der Vorgänge verdecken. Alle psychischen Prozesse vollziehen sich in den Einzelgeistern und nirgends sonst. Weder Volksgeist noch Elemente des Volksgeistes wie Kunst, Religion etc. haben eine konkrete Existenz und folglich kann auch nichts in ihnen und zwischen ihnen vorgehen. Daher weg mit diesen Abstraktionen. Deim 'weg mit allen Abstraktionen' muss für uns das Losungswort sein, wenn wir irgendwo die Faktoren des wirklichen Geschehens zu be- stimmen versuchen Avollen.') Ich will den Verfassern keinen grossen Vorwurf machen Avegen eines Fehlers, dem man in der Wissenschaft noch auf Schritt und Tritt begegnet, und vor dem sich der umsichtigste und am tiefsten eindringende nicht immer bewahrt. Mancher Forscher, der sich auf der Höhe des neunzehnten Jahrhunderts fühlt, lächelt wohl vornehm über den Streit der mittelalterlichen Nominalisten und Realisten, und begreift nicht, wie man hat dazu kommen können, die Abstraktionen des menschlichen Verstandes für realiter existierende Dinge zu erklären. Aber die unbewussten Realisten sind bei uns noch lange nicht aus- gestorben, nicht einmal unter den Naturforschern. Und vollends unter den Kulturforschern treiben sie ihr Wesen recht munter fort, und darunter namentlich diejenige Klasse, welche es allen übrigen zuvorzuthun w^ähnt, wenn sie nur in Darwinistischen Gleichnissen redet. Doch ganz ab- gesehen von diesem Unfug, die Zeiten der Scholastik, ja sogar die der Mythologie liegen noch lange nicht soweit hinter uns, als man wohl meint, unser Sinn ist noch gar zu sehr in den Banden dieser beiden befangen, weil sie unsere Sprache beherrschen, die gar nicht von ihnen loskommen kann. Wer nicht die nötige Gedankenanstrengung an- wendet um sich von der Herrschaft des Wortes zu befreien, wird sich niemals zu einer unbefangenen Anschauung der Dinge aufschwingen. Die Psychologie Avard zur Wissenschaft in dem Augenblicke, wo sie die Abstraktionen der Seelenvermögen nicht mehr als etwas Reelles anerkannte. So wird es vielleicht noch auf manchen Gebieten gelingen

^) Misteli, Ztschr. f. Vollierps. XUI, 385 hat mich merkwürdigerweise so miss- verstaudea, dass er meint, ich wolle überhaupt keine Abstraktionen gemacht wissen, während ich natürlich nur meine, dass sich keine Abstraktionen störend zwischen das Auge des Beobachters und die wirklichen Dinge stellen sollen, die ihn hindern den Kausalzusammenhang unter den letzteren zu erfassen. Die Belehrung, die er mir über den Wert des Abstrahierens erteilt, ist daher eben so überflüssig wie seine kritische Bemerkung darüber, dass ich ja noch weiter gehendere Abstraktionen mache als andere.

12 Einleitung.

Bedeutendes zu gewinnen lediglich dureli Beseitigung der zu Realitäten gestempelten Abstraktionen, die sich störend zwischen das Auge des Beobachters und die konkreten Erscheinungen stellen.

§ 7. Diese Bemerkungen bitte ich nicht als eine blosse Abschweifung zu betrachten.») Sie deuten auf das, was wir selbst im folgenden rücksichtlich der Sprachentwickelung zu beobachten hahen, was da- gegen die Darstellung von Lazarus-Steinthal gar nicht als etwas zu Leistendes erkennen lässt. Wir gelangen von hier aus auch zur Kritik der ersten Auffassung des Begriffs Völkerpsychologie.

Da wir natürlich auch hier nicht mit einem Gesamtgeiste und Elementen dieses Gesamtgeistes rechnen dürfen, so kann es sich in der 'Völkerpsychologie' jedenfalls nur um Verhältnisse zwischen den Einzelgeistern handeln. Aber auch für die Wechselwirkung dieser ist die Behauptung, dass dabei die selben Grundprozesse hervortreten wie in der individuellen Psychologie, nur in einem ganz bestimmten Ver- ständnis zulässig, worüber es einer näheren Erklärung bedürfte. Jeden- falls verhält es sich nicht so, dass die Vorstellungen, wie sie innerhalb einer Seele auf einander wirken, so auch über die Schranken der Einzelseele hinaus auf die Vorstellungen anderer Seelen wirkten. Eben- sowenig wirken etwa die gesamten Vorstellungskomplexe der einzelnen Seelen in einer analogen Weise auf einander wie innerhalb der Seele des Individuums die einzelnen Vorstellungen. Vielmehr ist es eine Thatsache von fundamentaler Bedeutung, die wir niemals aus dem Auge verlieren dürfen, dass alle rein psychische Wechsel- wirkung sich nur innerhalb der Einzelseele vollzieht. Aller Verkehr der Seelen unter einander ist nur ein indirekter, auf physischem Wege vermittelter. Fassen wir daher die Psycho-

^) Trotz dieser ausdrücklichen Bitte bemerkt L. Tobler, Lit.-Bl. f. germ. und rom. Phil. 1881, Sp. 122 über meine Einleitung: ,,Alle diese einleitenden Begriifsbe- stimmungen fallen mehr in den Bereich einer philosophischen Zeitschrift und üben auf den weiteren Verlauf der Darstellung keinen Einfluss". Und Misteli, a. a. 0. S. 400 tritt ihm bei und meint, er hätte nur noch hinzufügen können: glücklicherweise. Ich muss gestehen, es ist niederschlagend für mich, dass zwei Gelehrte, die doch gerade Interesse für allgemeine Fragen bekunden, so wenig erkannt haben, was der eigentliche Angelpunkt meines ganzen Werkes ist. Alles dreht sich mir darum die Sprachentwickelung aus der Wechselwirkung abzuleiten, welche die Individuen auf einander ausüben. Eine Kritik der Lazarus -Steinthalschen Anschauungen, deren Fehler eben in der Nichtberücksichtigung dieser Wechselwirkung besteht, hängt daher auf das engste mit der Gesamttendenz meines Buches zusammen. Misteli ist überhaupt der Ansicht, dass meine allgemeinen theoretischen Erörterungen von dem Sprachforscher nicht berücksichtigt zu werden brauchten, und dass dieser mit den herkömmlichen grammatischen KategOrieen auskommen könnte. Damit wird der alte Dualismus zwischen Philosophie und Wissenschaft sanktioniert, den zu über- winden wir heutzutage mit aller Macht streben sollten.

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Wechselwirkung zwischen den Seelen der Individuen. 13

logie im Herbartsclien Sinne als die Wissenschaft von dem Verhalten der Vorstellungen zu einander, so kann es nur eine individuelle Psy- chologie geben, der man keine Völkerpsychologie oder wie man es sonst nennen mag gegenüber stellen darf.

Man fügt nun aber wohl in der Darstellung der individuellen Psychologie diesem allgemeinen einen zweiten speziellen Teil hinzu, welcher die Entwickelungsgeschichte der komplizierteren Vorstellungs- massen behandelt, die wir erfahrungsmässig in uns selbst und den von uns zu beobachtenden Individuen in wesentlich übereinstimmender Weise finden. Dagegen ist nichts einzuwenden, so lange man sich nur des fundamentalen Gegensatzes bewusst bleibt, der zwischen beiden Teilen besteht. Der zweite ist nicht mehr Gesetzeswissenschaft, sondern Ge- schichte. Es ist leicht zu sehen, dass diese komplizierteren Gebilde nur dadurch haben entstehen können, dass das Individuum mit einer Reihe von andern Individuen in Gesellschaft lebt. Und um tiefer in das Geheimnis ihrer Entstehung einzudringen, muss man sich die ver- schiedenen Stadien, welche sie nach und nach in den früheren Individuen durchlaufen haben, zu veranschaulichen suchen. Von hier aus sind offen- bar Lazarus und Steinthal zu dem Begriff der Völkerpsychologie gelangt. Aber ebensowenig wie eine historische Darstellung, welche schildert, wie diese Entwicklung wirklich vor sich gegangen ist, mit Recht Psycho- logie genannt wird, ebensowenig wird es die Prinzipienwissenschaft, welche zeigt, wie im allgemeinen eine derartige Entwickelung zu stände kommen kann. Was an dieser Entwickelung psychisch ist, vollzieht sich innerhalb der Einzelseele nach den allgemeinen Gesetzen der indi- viduellen Psychologie. Alles das aber, wodurch die Wirkung des einen Individuums auf das andere ermöglicht wird, ist nicht psychisch. ^)

Wenn ich von den verschiedenen Stadien in der Entwickelung der psychischen Gebilde gesprochen habe, so habe ich mich der ge- wöhnlichen bildlichen Ausdrucksweise bedient. Nach unsern bisherigen Auseinandersetzungen ist nicht daran zu denken, dass ein Gebilde, wie es sich in der einen Seele gestaltet hat, wirklich die reale Unterlage sein kann, aus der ein Gebilde der andern entspringt. Vielmehr muss jede Seele ganz von vorn anfangen. Man kann nichts schon Gebildetes in sie hineinlegen, sondern alles muss in ihr von den ersten Anfängen an neu geschaffen werden, die primitiven Vorstellungen durch physio- logische Erregungen, die Vorstellungskomplexe durch Verhältnisse, in welche die primitiven Vorstellung-en innerhalb der Seele selbst zu

^) In einer Abhandlung, die in der Zschr. f. Völkerps. Bd. 17, S. 333 erschienen ist, setzt sich Steinthal auch mit meiner Kritik auseinander. Leider hat er sich nicht davon überzeugen können, dass die von mir gemachten Unterscheidungen von Belang sind, wofür doch mein ganzes Buch den Beweis liefert.

14 Einleitung.

einander getreten sind. Um die einer in ihr selbst entsprungenen ent- sprechende A'orstellnngsverbindung in einer anderen Seele hervorzu- rufen kann die Seele nichts anderes thun, als vermittelst der moto- rischen Nerven ein physisches Produkt erzeugen, welches seinerseits wieder vermittelst Erregung der sensitiven Nerven des andern Indi- viduums in der Seele desselben die entsprechenden Vorstellungen her- vorruft, und zwar entsprechend assoziiert. Die wichtigsten unter den diesem Zwecke dienenden physischen Produkten sind eben die Sprach- laute. Andere sind die sonstigen Töne, ferner Mienen, Gebärden, Bilder etc.

AVas diese physischen Produkte befähigt als Mittel zur Ueber- tragung von Vorstellungen auf ein anderes Individuum zu dienen ist entweder eine innere, direkte Beziehung zu den betreffenden Vor- stellungen (man denke z. B. an einen Schmerzensschrei, eine Gebärde der Wut) oder eine durch Ideenassoziation vermittelte Ver- bindung, wobei also die in direkter Beziehung zu dem physischen Werkzeuge stehende Vorstellung das Bindeglied zwischen diesem und der mitgeteilten Vorstellung bildet; das ist der Fall bei der Sprache.

§ 8. Durch diese Art der Mitteilung kann kein A'orstellungsinhalt in der Seele neu geschaffen werden. Der Inhalt, um den es sich handelt, muss vielmehr schon vorher darin sein, durch physiologische Erregungen hervorgerufen. Die AAlrkung der Mitteilung kann nur die sein, dass gewisse in der Seele ruhende Vorstellungsmassen dadurch erregt, even- tuell auf die Schwelle des Bewusstseins gehoben werden, wodurch unter Umständen neue Verbindungen zwischen denselben geschaifen oder alte befestigt werden.

Der A^orstellungsinhalt selbst ist also untibertragbar. Alles, was wir von dem eines andern Individuums zu wissen glauben, beruht nur auf Schlüssen aus unserem eigenen. Wir setzen dabei voraus, dass die fremde Seele in dem selben Ver- hältnis zur Aussenwelt steht wie die unsrige, dass die nämlichen physischen Eindrücke in ihr die gleichen Vorstellungen erzeugen wie in der unsrigen, und dass diese Vorstellungen sich in der gleichen AVeise verbinden. Ein gewisser Grad von Uebereinstimmung in der geistigen und körperlichen Organisation, in der umgebenden Natur und den Erlebnissen ist demnach die A orbedingung für die Alöglichkeit einer A^erständigung zwischen verschiedenen Individuen. Je grösser die Uebereinstimmung, desto leichter die A'erständigung. Umgekehrt bedingt jede Verschiedenheit in dieser Beziehung nicht nur die Möglich- keit, sondern die Notwendigkeit des Nichtverstehens, des unvollkommenen A'erständnisses oder des Missverständnisses.

Am weitesten reicht die A^erständigung durch diejenigen physischen

!

Wechselwirkung zwischen den Seelen der Individuen. 15

Mittel, welche in direkter Beziehung' zu den mitgeteilten Vorstellungen stehen; denn diese fliesst häufig schon aus dem allgemein Ileberein- stimmenden in der menschlichen Natur. Dagegen, wo die Beziehung eine indirekte ist, wird vorausgesetzt, dass in den verschiedenen Seelen die gleiche Assoziation geknüpft ist, was übereinstimmende Erfahrung voraussetzt. Man muss es demnach als selbstverständlich voraussetze«, dass alle Mitteilung unter den Menschen mit der ersteren Art begonnen hat und erst von da zu der letzteren übergegangen ist. Zugleich muss hervorgehoben werden, dass die Mittel der ersten Art bestimmt be- schränkte sind, während sich in Bezug auf die der zweiten ein un- begrenzter Spielraum darbietet, weil bei willkürlicher Assoziation un- endlich viele Kombinationen möglich sind.

Fragen wir nun, worauf es denn eigentlich beruht, dass das Indi- viduum, trotzdem es sich seinen Vorstelluugskreis selbst schaffen muss, doch durch die Gesellschaft eine bestimmte Richtung seiner geistigen Entwickeluug erhält und eine weit höhere Ausbildung, als es im Sonder- leben zu erwerben vermöchte, so müssen wir als den wesentlichen Punkt bezeichnen die Verwandlung indirekter Assoziationen in direkte. Diese Verwandlung vollzieht sich innerhalb der Einzelseele, das gewonnene Resultat aber wird auf andere Seelen übertragen, natür- lich durch physische Vermittlung in der geschilderten Weise. Der Gewinn besteht also darin, dass in diesen anderen Seelen die Vor- stellungsmassen nicht wieder den gleichen Umweg zu machen brauchen um an einander zu kommen wie in der ersten Seele. Ein Gewinn ist also das namentlich dann, wenn die vermittelnden Verbindungen im Vergleich zu der schliesslich resultierenden Verbindung von unter- geordnetem Werte sind. Durch solche Ersparnis an Arbeit und Zeit, zu welcher ein Individuum dem andern verholfen hat, ist dieses wiederum im Stande, das Ersparte zur Herstellung einer weiteren Verbindung zu verwenden, zu der das erste Individuum die Zeit nicht mehr übrig hatte.

Mit der (Jeberlieferung einer aus einer indirekten in eine direkte verwandelten Verbindung ist nicht auch die Ideenbewegung überliefert, welche zuerst zur Entstehung dieser Verbindung geführt hat. Wenn z. B. jemandem der Pythagoräische Lehrsatz überliefert wird, so weiss er dadurch nicht, auf welche Weise derselbe zuerst gefunden ist. Er kann dann einfach bei der ihm gegebenen direkten Verbindung stehen bleiben, er kann auch durch eigene schöpferische Kombination den Satz mit andern ihm schon bekannten mathematischen Sätzen vermitteln, wobei er allerdings ein sehr viel leichteres Spiel hat als der erste Finder. Sind aber, wie es hier der Fall ist, verschiedene Vermittelungen möglich, so braucht er nicht gerade auf die selbe zu verfallen wie dieser.

16 Einleitung.

Es erhellt also, dass bei diesem wichtigen Prozess, indem der Anfangs- und Endpunkt einer A'orstellungsreihe in direkter Verknüpfung überliefert werden, die Mittelglieder, welche ursprünglich diese Ver- knüpfung herstellen halfen, zu einem grossen Teile für die folgende Generation verloren gehen müssen. Das ist in vielen Fällen eine heil- same Entlastung von unnützem Ballast, wodurch der für eine höhere Entwickelung notwendige Raum geschaffen wird. Aber die Erkenntnis der Genesis wird dadurch natürlich ausserordentlich erschwert.

§ 9. Kach diesen für alle Kulturentwiekelung geltenden Be- merkungen, deren spezielle Anwendung auf die Sprachgeschichte uns weiter unten zu beschäftigen hat. wollen wir jetzt versuchen, die wichtigsten Eigeutümlichkeiten hervorzuheben, wodurch sich die Sprach- wissenschaft von andern Kulturwissenschaften unterscheidet. Indem wir die Faktoren ins Auge fassen, mit denen sie zu rechnen hat, wird es uns schon hier gelingen unsere Behauptung zu rechtfertigen, dass die Sprachwissenschaft unter allen historischen Wissenschaften die sichersten und exaktesten Resultate zu liefern im stände ist.

Jede Erfahrungswissenschaft erhebt sich zu um so grösserer Exakt- heit, je mehr es ihr gelingt in den Erscheinungen, mit denen sie zu schaffen hat, die Wirksamkeit der einzelnen Faktoren isoliert zu betrachten. Hierin liegt ja eigentlich der spezifische Unterschied der wissenschaftlichen Betrachtungsweise von der populären. Die Isolierung gelingt natürlich um so schwerer, je verschlungener die Komplikationen, in denen die Erscheinungen an sich gegeben sind. Nach dieser Seite hin sind wir bei der Sprache besonders günstig gestellt. Das gilt allerdings nicht, wenn man den ganzen materiellen Inhalt ins Auge fasst, der in ihr niedergelegt ist. Da findet man allerdings, dass alles, was irgendwie die menschliche Seele berührt hat, die leibliche Organisation, die umgebende Natur, die gesamte Kultur, alle Erfahrungen und Erlebnisse Wirkungen in der Sprache hinterlassen haben, dass sie daher von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, von den allermannigf achsten , von allen irgend denkbaren Faktoren abhängig ist. jVber diesen materiellen Inhalt zu betrachten ist nicht die eigentümliche Aufgabe der Sprachwissenschaft. Dazu kann sie nur in Verbindung mit allen übrigen Kulturwissenschaften beitragen. Sie hat für sich nur die Verhältnisse zu betrachten, in welche dieser Vorstelluugsinhalt zu bestimmten Lautgruppen tritt. So kommen von den oben S. 8 angegebenen vier Kategorieen der gesellschaftlichen Einwirkung für die Sprache nur die ersten beiden in Betracht. Man braucht auch vornehmlich nur zwei Gesetzeswissenschaften als Unter- lage der Sprachwissenschaft, die Psychologie und die Physiologie, und zwar von der letzteren nur gewisse Teile. Was man gewöhnlich unter

Unterschied der Sprachwisscnscliaft von andern Kulturwissenschaften. 17

Lautphysiologie oder Phonetik versteht, begreift allerdings nicht alle physiologischen Vorgänge in sich, die zur Sprechthätigkeit gehören, nämlich nicht die Erregung der motorischen Nerven, wodurch die Sprachorgane in Bewegung gesetzt werden. Es würde ferner auch die Akustik, sowohl als Teil der Physik wie als Teil der Physiologie in Betracht kommen. Die akustischen Vorgänge aber sind nicht unmittelbar von den psychischen beeinflusst, sondern nur mittelbar, durch die laut- physiologischen. Durch diese sind sie derartig bestimmt, dass nach dem einmal gegebenen Anstosse ihr Verlauf im allgemeinen keine Ab- lenkungen mehr erfährt, wenigstens keine solche, die für das Wesen der Sprache von Belang sind. Unter diesen Umständen ist ein tieferes Ein- dringen in diese Vorgänge für das Verständnis der Sprachentwickelung jedenfalls nicht in dem Masse erforderlich wie die Erkenntnis der Bewegung der Sprechorgane. Damit soll nicht behauptet werden, dass nicht vielleicht auch einmal aus der Akustik manche Aufschlüsse zu holen sein werden.

Die verhältnismässige Einfachheit der sprachlichen Vorgänge tritt deutlich hervor, wenn wir etwa die wirtschaftlichen damit vergleichen. Hier handelt es sich um eine Wechselwirkung sämtlicher physischen und psychischen Faktoren, zu denen der Mensch in irgend eine Be- ziehung tritt. Auch den ernstesten Bemühungen wird es niemals gelingen die Rolle, welche jeder einzelne unter diesen Faktoren dabei spielt, vollständig klar zu legen.

Ein weiterer Punkt von Belang ist folgender. Jede sprachliche Schöpfung ist stets nur das Werk eines Individuums. Es können mehrere das gleiche schaffen. Aber der Akt des Schaffens ist darum kein anderer und das Produkt kein anderes. Niemals schaffen mehrere Individuen etwas zusammen, mit vereinigten Kräften, mit verteilten Rollen. Ganz anders ist das wieder auf wirtschaftlichem oder politischem Gebiete. Wie es innerhalb der wirtschaftlichen und politischen Ent- wickelung selbst immer schwieriger wird die Verhältnisse zu durch- schauen, je mehr Vereinigung der Kräfte, je mehr Verteilung der Rollen sich herausbildet, so sind auch die einfachsten Verhältnisse auf diesen Gebieten schon weniger durchsichtig als die sprachlichen. Allerdings insofern, als eine sprachliche Schöpfung auf ein anderes Individuum übertragen und von diesem umgeschaffen wird, als dieser Prozess sich immer von neuem wiederholt, findet auch hier eine Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung statt, ohne die ja, wie wir gesehen haben, über- haupt keine Kultur zu denken ist. Und wo in unserer Ueberlieferung eine Anzahl von Zwischenstufen fehlen, da ist auch der Sprachforscher in der Lage verwickelte Komplikationen auflösen zu müssen, die aber nicht sowohl durch das Zusammenwirken als durch das Nacheinander- wirken verschiedener Individuen entstanden sind.

Paul, Prinzipien, m. Auf läge. 2

l8 Mnleitung.

Es ist ferner auch nach dieser Seite hin von grosser Wichtigkeit, dass die sprachlichen Gebilde im allgemeinen ohne bewusste Absicht geschaffen werden. Die Absicht der Mitteilung ist zwar, abgesehen von den allerfrühesten Stadien, vorhanden, aber nicht die Absicht etwas Bleibendes festzAisetzen, und das Individuum wird sich seiner schöpferischen Thätigkeit nicht bewusst. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Sprachbildung namentlich von aller künstlerischen Produktion. Die Unbewusstheit, wie wir sie hier als Charakteristikum hinstellen, ist freilich nicht so allgemein anerkannt und ist noch im einzelnen zu erweisen. Man muss dabei unterscheiden zwischen der natürlichen Entwickelung der Sprache und der künstlichen, die allerdings durch ein absichtlich regelndes Eingreifen zu Stande kommt. Solche bewussten Bemühungen beziehen sich fast ausschliesslich auf die Herstellung einer Gemeinsprache in einem dialektisch gespaltenen Gebiete oder einer technischen Sprache für bestimmte Berufsklassen. Wir müssen im folgenden zunächst gänzlich von denselben abstrahieren, um das reine Walten der natürlichen Entwickelung kennen zu lernen, und erst dann ihre Wirksamkeit in einem besondern Abschnitte behandeln. Zu diesem Verfahren sind wir nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet. Wir würden sonst ebenso handeln wie der Zoologe oder der Botaniker, der um die Entstehung der heutigen Tier- und Planzenwelt zu erklären, tiberall mit der Annahme künstlicher Züchtung und Veredlung operierte. Der Vergleich ist in der That im hohen Grade zutreffend. Wie der Vieh- züchter oder der Gärtner niemals etwas rein willkürlich aus nichts er- schaffen können, sondern mit allen ihren Versuchen auf eine nur innerhalb bestimmter Schranken mögliche Umbildung des natürlich Er- wachsenen angewiesen sind, so entsteht auch eine künstliche Sprache nur auf Grundlage einer natürlichen. So wenig durch irgend welche Veredlung die Wirksamkeit derjenigen Faktoren aufgehoben werden kann, welche die natürliche Entwickelung bestimmen, so wenig kann das auf sprach- lichem Gebiete durch absichtliche Regelung geschehen. Sie wirken trotz alles Eingreifens ungestört weiter fort, und alles, was, auf künstlichem Wege gebildet, in die Sprache aufgenommen ist, verfällt dem Spiel ihrer Kräfte.

Es wäre nun zu zeigen, inwiefern die Absichtslosigkeit der sprach- lichen Vorgänge es erleichtert, ihr Wesen zu durchschauen. Zunächst folgt daraus wieder, dass dieselben verhältnismässig einfach sein müssen. Bei jeder Veränderung kann nur ein kurzer Schritt gethan werden. AVie wäre das anders möglich, wenn sie ohne Berechnung erfolgt und, wie es meistens der Fall ist, ohne dass der Sprechende eine Ahnung davon hat, dass er etwas nicht schon vorher Dagewesenes hervorbringt? Freilich kommt es dann aber auch darauf an die Indizien, durch welche sich diese Vorgänge dokumentieren, mögchlichst Schritt für Schritt

Unterschied der Sprachwissenschaft von andern Kulturwissenschaften. 19

ZU verfolgen. Aus der Einfachheit der sprachliehen Vorgänge folgt nun aber auch, dass sich dabei die individuelle Eigentümlichkeit nicht stark geltend machen kann. Die einfachsten psychischen Prozesse sind ja bei allen Individuen die gleichen, ihre Besonderheiten beruhen nur auf verschiedenartiger Kombination dieser einfachen Prozesse. Die grosse Gleichmässigkeit aller sprachlichen Vorgänge in den verschiedensten Individuen ist die wesentlichste Basis für eine exakt wissenschaftliche Erkenntnis derselben.

So fällt denn auch die Erlernung der Sprache in eine frühe Ent- wickelungsperiode, in welcher überhaupt bei allen psychischen Pro- zessen noch wenig Absichtlichkeit und Bewusstsein, noch wenig Indi- vidualität vorhanden ist. Und ebenso verhält es sich mit derjenigen Periode in der Entwickelung des Menschengeschlechts, welche die Sprache zuerst geschaffen hat.

Wäre die Sprache nicht so sehr auf Grundlage des Gemeinsamen in der menschlichen Natur aufgebaut, so wäre sie auch nicht das ge- eignete Werkzeug für den allgemeinen Verkehr. Umgekehrt, dass sie als solches dient, hat zur notwendigen Konsequenz, dass sie alles rein Individuelle, was sich ihr doch etwa aufzudrängen versucht, zurück- stösst, dass sie nichts aufnimmt und bewahrt, als was durch die Ueber- einstimmung einer Anzahl mit einander in Verbindung befindlicher Indi- viduen sanktioniert wird.

Unser Satz, dass die Unabsichtlichkeit der Vorgänge eine exakte wissenschaftliche Erkenntnis begünstige, ist leicht aus der Geschichte der übrigen Kulturzweige zu bestätigen. Die Entwickelung der sozialen Ver- hältnisse, des Rechts, der Religion, der Poesie und aller übrigen Künste zeigt um so m.ehr Gleichförmigkeit, macht um so mehr den Eindruck der Naturnotwendigkeit, je primitiver die Stufe ist, auf der man sich befindet. Während sich auf diesen Gebieten immer mehr Absichtlichkeit, immer mehr Individualismus geltend gemacht hat, ist die Sprache nach dieser Seite hin viel mehr bei dem ursprünglichen Zustande stehen geblieben. Sie erweist sich auch dadurch als der Urgrund aller höheren geistigen Entwickelung im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht.

§ 10. Ich habe es noch kurz zu rechtfertigen, dass ich den Titel Prinzipien der Sprachgeschichte gewählt habe. Es ist eingewendet, dass es noch eine andere wissenschaftliche Betrachtung der Sprache gäbe, als die geschichtliche. ^) Ich muss das in Abrede stellen. Was man für eine nichtgeschichtliche und doch wissenschaftliche Betrachtung der Sprache erklärt, ist im Grunde nichts als eine unvollkommen geschichtliche, unvollkommen teils durch Schuld des Betrachters, teils durch Schuld des

0 Vgl. Misteli a. a. 0. S. 382 ff.

ÖO Einleitung.

Beobachtungsmaterials. Sobald man über das blosse Konstatieren voi Einzelheiten hinausgeht, sobald mau versucht den Zusammenhang zu erfassen, die Erscheinungen zu begreifen, so betritt man auch den ge- geschichtlichen Boden, wenn auch vielleicht ohne sich klar darüber zu sein. Allerdings ist eine wissenschaftliche Behandlung der Sprache nicht bloss möglich, wo uns verschiedene Entwickelungsstufen der gleichen Sprache vorliegen, sondern auch bei einem Nebeueinanderliegen des zu Gebote stehenden Materials. Am günstigsten liegt dann die Sache, wenn uns mehrere verwandte Sprachen oder Mundarten bekannt sind. Dann ist es Aufgabe der Wissenschaft, nicht bloss zu konstatieren, was sich in den verschiedenen Sprachen oder Mundarten gegenseitig entspricht, sondern aus dem Ueberlieferten die nicht überlieferten Grundformen und Grundbedeutungen nach Möglichkeit zu rekonstruieren. Damit aber ver- wandelt sich augenscheinlich die vergleichende Betrachtung in eine geschichtliche. Aber auch, wo uns nur eine bestimmte Entwickelungsstufe einer einzelneu Mundart vorliegt, ist noch wissenschaftliche Betrachtung bis zu einem gewissen Grade möglich. Jedoch wie? Vergleicht man z. B. die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes unter einander, so sucht man festzusetzen, welche davon die Grundbedeutung ist, oder auf welche untergegangene Grundbedeutung sie hinweisen. Bestimmt man aber eine Grundbedeutung, aus der andere abgeleitet sind, so konstatiert man ein historisches Faktum. Oder man vergleicht die verwandten Formen unter einander und leitet sie aus einer gemeinsamen Grundform ab. Dann konstatiert man wiederum ein historisches Faktum. Ja man darf überhaupt nicht einmal behaupten, dass verwandte Formen aus einer gemeinsamen Grundlage abgeleitet sind, wenn man nicht historisch werden will. Oder man konstatiert zwischen verwandten Formen und Wörtern einen Lautwechsel. Will man sich denselben erklären, so wird man notwendig darauf geführt, dass derselbe die Nachwirkung eines Lautwandels, also eines historischen Prozesses ist. Versucht man die sogenannte innere Sprachform im Sinne Humboldts und Steinthals zu charakterisieren, so kann man das nur, indem man auf den Ursprung der Ausdrucksformen und ihre Grundbedeutung zurückgeht. Und so wüsste ich überhaupt nicht, wie man mit P>folg über eine Sprache reflektieren könnte, ohne dass man etwas darüber ermittelt, wie sie geschichtlich geworden ist. Das einzige, w^as nun etwa noch von nicht- geschichtlicher Betrachtung übrig bliebe, wären allgemeine Reflexionen über die individuelle Anwendung der Sprache, über das Verhalten des Einzelnen zum allgemeinen Sprachusus. Dass aber gerade diese Re- flexionen aufs engste mit der Betrachtung der geschichtlichen Ent- wickelung zu verbinden sind, wird sich im folgenden zeigen.

Kap. I. AUgemeiues über das Wesen der Sprachentwickelunj^.

§ 11. Es ist von fundamentaler Bedeutung für den Geschichts- forscher, dass er sich Umfang und Natur des Gegenstandes genau klar macht, dessen Entwickelung er zu untersuchen hat. Man hält das leicht fUr eine selbstverständliche Sache, in Bezug auf welche man gar nicht irre gehen könne. Und doch liegt gerade hier der Punkt, in welchem die Sprachwissenschaft die Versäumnis \on Dezennien eben erst an- fängt nachzuholen.

Die historische Grammatik ist aus der älteren bloss deskrip- tiven Grammatik hervorgegangen, und sie hat noch sehr vieles von derselben beibehalten. Wenigstens in der zusammenfassenden Dar- stellung hat sie durchaus die alte Form bewahrt, Sie hat nur eine Reihe von deskriptiven Grammatiken parallel an einander gefügt. Das Vergleichen, nicht die Darlegung der Entwickelung ist zunächst als das eigentliche Charakteristikum der neuen Wissenschaft aufgefasst. Man hat die vergleichende Grammatik, die sich mit dem gegenseitigen Verhältnis verw^andter Sprachfamilien beschäftigt, deren gemeinsame Quelle für uns verloren gegangen ist, sogar in Gegensatz zu der histo- rischen gesetzt, die von einem durch die Ueberlieferung gegebenen Ausgangspunkte die Weiterentwickelung verfolgt. Und noch immer liegt vielen Sprachforschern und Philologen der Gedanke sehr fern, dass beides nur einunddieselbe Wissenschaft ist, mit der gleichen Aufgabe, der gleichen Methode, nur dass das Verhältnis zwischen dem durch Ueberlieferung Gegebenen und der kombinatorischen Thätigkeit sich verschieden gestaltet. Aber auch auf dem Gebiete der historischen Grammatik im engeren Sinne hat man die selbe Art des Vergleichens angewandt: man hat deskriptive Grammatiken verschiedener Perioden an einander gereiht. Zum Teil ist es das praktische Bedürfnis, welches für systematische Darstellung ein solches Verfahren gefordert hat und bis zu einem gewissen Grade immer fordern wird. Es ist aber nicht

22 Kap. I. Allgemeines über die Sprachentwickelung.

zu leugnen, dass auch die ganze Anscliauung von der Sprachentwickelung unter dem Banne dieser Darstellungsweise gestanden hat und zum Teil noch steht.

Die deskriptive Grammatik verzeichnet, was von grammatischen Formen und Verhältnissen innerhalb einer Sprachgenossenschaft zu einer gewissen Zeit üblich ist, was von einem jeden gebraucht werden kann, ohne vom andern missverstanden zu werden und ohne ihn fremd- artig zu berühren. Ihr Inhalt sind nicht Thatsachen, sondern nur eine Abstraktion aus den beobachteten Thatsachen. Macht man solche Abstraktionen innerhalb der selben Sprachgenossenschaft zu ver- schiedenen Zeiten, so werden sie verschieden ausfallen. Man erhält durch Yergleichung die Gewissheit, dass sieh Uniwälzungen vollzogen haben, man entdeckt wohl auch eine gewisse Regelmässigkeit in dem gegenseitigen Verhältnis, aber über das eigentliche Wesen der voll- zogenen Umwälzung wird man auf diese Weise nicht aufgeklärt. Der Kausalzusammenhang bleibt verschlossen, so lange man nur mit diesen Abstraktionen rechnet, als wäre die eine wirklich aus der andern ent- standen. Denn zwischen Abstraktionen giebt es überhaupt keinen Kausalnexus, sondern nur zwischen realen Objekten und Thatsachen. So lange man sich mit der deskriptiven Grammatik bei den ersteren beruhigt, ist man noch sehr weit entfernt von einer wissenschaftlichen Erfassung des Sprachlebens.

§ 12. Das wahre Objekt für den Sprachforscher sind viel- mehr sämtliche Aeusserungen der Sprechthätigkeit an sämt- lichen Individuen in ihrer Wechselwirkung auf einander. Alle Lautkomplexe, die irgend ein Einzelner je gesprochen, gehört oder vor- gestellt hat mit den damit assoziierten Vorstellungen, deren Symbole sie gewesen sind, alle die mannigfachen Beziehungen, welche die Sprach- elemente in den Seelen der Einzelnen eingegangen sind, fallen in die Sprachgeschichte, müssten eigentlich alle bekannt sein, um ein voll- ständiges Verständnis der Entwickelung zu ermöglichen. Man halte mir nicht entgegen, dass es unnütz sei eine Aufgabe hinzustellen, deren Unlös barkeit auf der Hand liegt. Es ist schon deshalb von Wert sich das Idealbild einer Wissenschaft in seiner ganzen Reinheit zu vergegen- wärtigen, weil wir uns dadurch des Abstandes bcAvusst werden, in welchem unser Können dazu steht, weil wir daraus lernen, dass und warum wir uns in so vielen Fragen bescheiden müssen, weil da- durch die Superklugkeit gedemütigt wird, die mit einigen geistreichen Gesichtspunkten die kompliziertesten historischen Entwickelungen be- griffen zu haben meint. Eine unvermeidliche Notwendigkeit aber ist es für uns, uns eine allgemeine Vorstellung von dem Spiel der Kräfte in diesem ganzen massenhaften Getriebe zu machen, die wir ])eständig

Gegenstand der Sprachwissenschaft. 23

vor Allgen haben müssen, wenn wir die wenigen dürftigen Fragmente, die uns darans wirklich gegeben sind, richtig einzuordnen versuchen wollen.

Nur ein Teil dieser wirkenden Kräfte tritt in die Erscheinung. Nicht bloss das Sprechen und Hören sind sprachgeschichtliche Vor- gänge, auch nicht bloss weiterhin die dabei erregten Vorstellungen und die beim leisen Denken durch das Bewusstsein ziehenden Sprachgebilde. Vielleicht der bedeutendste Fortschritt, den die neuere Psychologie ge- macht hat, besteht in der Erkenntnis, dass eine grosse Menge von psychischen Vorgängen sich ohne klares Bewusstsein voll- ziehen, und dass Alles, was je im Bewusstsein gewesen ist, als ein wirksames Moment im Unbewussten bleibt. Diese Er- kenntnis ist auch für die Sprachwissenschaft von der grössten Trag- weite und ist von Steinthal in ausgedehntem Masse für dieselbe ver- wertet worden. Alle Aeusserungen der Sprechthätigkeit fliessen aus diesem dunkeln Räume des Unbewussten in der Seele. In ihm liegt alles, was der Einzelne von sprachlichen Mitteln zur Verfügung hat, und wir dürfen sagen sogar etwas mehr, als worüber er unter gewöhn- lichen Umständen verfügen kann, als ein höchst kompliziertes psychisches Gebilde, welches aus mannigfach unter einander verschlungenen Vor- stellungsgruppen besteht. Wir haben hier nicht die allgemeinen Ge- setze zu betrachten, nach w^elchen diese Gruppen sich bilden. Ich ver- weise dafür auf Steinthals Einleitung in die Psychologie und Sprach- wissenschaft. Es kommt hier nur darauf an uns ihren Inhalt und ihre Wirksamkeit zu veranschaulichen.

Sie sind ein Produkt aus alledem, was früher einmal durch Hören anderer, durch eigenes Sprechen und durch Denken in den Formen der Sprache in das Bewusstsein getreten ist. Durch sie ist die Mög- lichkeit gegeben, dass das, was früher einmal im Bewusstsein war, unter günstigen Bedingungen wieder in dasselbe zurücktreten kann, also auch, dass das, was früher einmal verstanden oder gesprochen ist, wieder verstanden oder gesprochen werden kann. Man muss nach dem schon erwähnten allgemeinen Gesetze daran festhalten, dass schlechthin keine durch die Sprechthätigkeit in das Bewusstsein eingeführte Vor- stellung spurlos verloren geht, mag die Spur auch häufig so schwach sein, dass ganz besondere Umstände , wie sie vielleicht nie eintreten, erforderlich sind, um ihr die Fähigkeit zu geben wieder bewusst zu werden. Die Vorstellungen werden gruppenweise ins Bewusstsein ein- geführt und bleiben daher als Gruppen im Unbewussten. Es assoziieren sich die Vorstellungen auf einander folgender Klänge, nach einander ausgeführter Bewegungen der Sprechorgane zu einer Reihe. Die Klang- reihen und die Bewegungsreihen assoziieren sich untereinander. Mit

24 Kap. I. Allgemeines über die SprachentwickeluDg.

beiden assoziieren sich die Yorstellung-en . für die sie als Symbole dienen, nicht bloss die Vorstellungen von Wortbedeutungen, sondern auch die ^'orstellungen von synktatischen Verhältnissen. Und nicht bloss die einzelnen Wörter, sondern grössere Lautreihen, ganze Sätze assoziieren sich unmittelbar mit dem Gedankeuinhalt, der in sie gelegt worden ist. Diese wenigstens ursprünglich durch die Aussenwelt ge- gebenen Gruppen organisieren sich nun in der Seele jedes Individuums zu weit reicheren und verwickeiteren Verbindungen, die sich nur zum kleinsten Teile bewusst vollziehen und dann auch unbewusst weiter wirken, zum bei weitem grösseren Teile niemals wenigstens zu klarem Bewusstsein gelangen und nichtsdestoweniger wirksam sind. So assoziieren sich die verschiedenen Gebrauchsweisen, in denen man ein Wort, eine Redensart kennen gelernt hat. unter einander. So asso- ziieren sich die verschiedenen Kasus des gleichen Nomens, die ver- schiedenen tempora, modi, Personen des gleichen Verbums, die ver- schiedenen Ableitungen aus der gleichen Wurzel vermöge der Verwandt- schaft des Klanges und der Bedeutung: ferner alle Wörter von gleicher Funktion, z. B. alle Substantiva, alle Adjektiva. alle Verba; ferner die mit gleichen Suffixen gebildeten Ableitungen aus verschiedenen Wurzeln; ferner die ihrer Funktion nach gleichen Formen verschiedener Wörter, also z.B. alle Plurale, alle Genitive, alle Passiva, alle Perfekta, alle Konjunktive, alle ersten Personen ; ferner die Wörter von gleicher Flexiona- weise, z. B. im Nhd. alle schwachen Verba im Gegensatz zu den starken, alle Masculina, die den Plural mit Umlaut bilden im Gegensatz zu den nicht umlautenden; auch Wörter von nur partiell gleicher Flexionsweise können sich im Gegensatz zu stärker abweichenden zu Gruppen zu- sammenschliessen; ferner assoziieren sich in Form oder Funktion gleiche Satzformen. Und so giebt es noch eine Menge Arten von zum Teil mehrfach vermittelten Assoziationen, die eine grössere oder geringere Bedeutung für das Sprachleben haben. Alle diese Assoziationen können ohne klares Bewusstsein zu Stande kommen und sich wirksam erweisen, und sie sind durchaus nicht mit den Kategorieen zu verwechseln, die durch die grammatische Reflexion abstrahiert werden, wenn sie sich auch gewöhnlich mit diesen decken.

§ 13. Es ist ebenso bedeutsam als selbstverständlich, dass dieser Organismus von Vorstellungsgruppen sich bei jedem Individuum in stetiger Veränderung befindet. Erstlich verliert jedes einzelne Moment, welches keine Kräftigung durch Erneuerung des Eindruckes oder durch Wiedereinführung in das Bewusstsein empfängt, fort und fort an Stärke. Zweitens wird durch jede Thätigkeit des Sprechens, Hörens oder Denkens etwas Neues hinzugefügt. Selbst bei genauer Wiederholung einer früheren Thätigkeit erhalten wenigstens bestimmte Momente des

Vorstellungsgruppen als Grundlage der Sprechthätigkeit. 25

schon bestehenden Organismus eine Kräftigung. Und selbst, wenn jemand schon eine reiche Bethätigung hinter sich hat, so ist doch immer noch Gelegenheit genug zu etwas Neuem geboten, ganz abgesehen davon, dass etwas bisher in der Sprache nicht liebliches eintritt, mindestens zu neuen Variationen der alten Elemente. Drittens werden sowohl durch die Abschwächung als durch die Verstärkung der alten {Elemente als endlich durch den Hinzutritt neuer die Assoziationsverhältnisse inner- halb des Organismus allemal verschoben. Wenn daher auch der Orga- nismus bei den Erwachsenen im Gegensatz zu dem Entwickelungsstadium der frühesten Kindheit eine gewisse Stabilität hat, so bleibt er doch immer noch mannigfaltigen Schwankungen ausgesetzt.

Ein anderer gleich selbstverständlicher, aber auch gleich wichtiger Punkt, auf den ich hier hinweisen muss, ist folgender: der Organismus der auf die Sprache bezüglichen Vorstellungsgruppen entwickelt sich bei jedem Individuum auf eigentümliche Weise, gewinnt daher auch bei jedem eine eigentümliche Gestalt. Selbst w^enn er sich bei ver- schiedenen ganz aus den gleichen Elementen zusammensetzen sollte, so werden doch diese Elemente in verschiedener Reihenfolge, in ver- schiedener Gruppierung, mit verschiedener Intensität, dort zu häufigeren, dort zu selteneren Malen in die Seele eingeführt sein, und wird sich danach ihr gegenseitiges Machtverhältnis und damit ihre Gruppierungs- weise verschieden gestalten, selbst wenn wir die Verschiedenheit in den allgemeinen und besonderen Fähigkeiten der Einzelnen gar nicht berücksichtigen.

Schon bloss aus der Beachtung der unendlichen Veränderlichkeit und der eigentümlichen Gestaltung eines jeden einzelnen Organismus ergiebt sich die Notwendigkeit einer unendlichen Veränderlichkeit der Sprache im ganzen und eines ebenso unendlichen Wachstums der dia- lektischen Verschiedenheiten.

§ 14. Die geschilderten psychischen Organismen sind die eigentlichen Träger der historischen Entwickelung. Das wirklich Gesprochene hat gar keine Entwickelung. Es ist eine irreführende Ausdrucksweise, wenn man sagt, dass ein Wort aus einem in einer früheren Zeit gesprochenen Worte entstanden sei. Als physio- logisch-physikalisches Produkt geht das Wort spurlos unter, nachdem die dabei in Bewegung gesetzten Körper wieder zur Ruhe gekommen sind. Und ebenso vergeht der physische Eindruck auf den Hörenden. Wenn ich die selben Bewegungen der Sprechorgane, die ich das erste Mal gemacht habe, ein zweites, drittes, viertes Mal wiederhole, so be- steht zwischen diesen vier gleichen Bewegungen keinerlei physischer Kausalnexus, sondern sie sind unter einander nur durch den psychischen Organismus vermittelt. Nur in diesem bleibt die Spur alles Geschehenen,

26 Kap. I. Allgeineiues über die Sprachentwickelung.

wodurch weiteres Geschehen veranlasst werden kann, nur in diesem sind die Bedingungen geschichtlicher Entwickelung gegeben.

Das physische Element der Sprache hat lediglich die Funktion die Einwirkung der einzelnen psychischen Organismen auf einander zu vermitteln, ist aber für diesen Zweck unentbehrlich, weil es, wie schon in der Einleitung nachdrücklich hervorgehoben ist, keine direkte Ein- wirkung einer Seele auf die andere giebt. Wiewohl an sich nur rasch vorübergehende Erscheinung, verhilft es doch durch sein Zusammen- wirken mit den psychischen Organismen diesen zu der Möglichkeit auch nach ihrem Untergange Wirkungen zu hinterlassen. Da ihre Wirkung mit dem Tode des Individuums aufhört, so würde die Entwickelung einer Sprache auf die Dauer einer Generation beschränkt sein, wenn nicht nach und nach immer neue Individuen dazu träten, in denen sich unter der Einwirkung der schon bestehenden neue Sprachorganismen erzeugten. Dass die Träger der historischen Entwickelung einer Sprache stets nach Ablauf eines verhältnismässig kurzen Zeitraumes sämtlich untergegangen und durch neue ersetzt sind, ist wieder eine höchst einfache, aber darum nicht minder beherzigenswerte und nicht minder häufig übersehene Wahrheit.

§ 15. Sehen wir nun, wie sich bei dieser Natur des Objekts die Aufgabe des Geschichtschreibers stellt. Der Beschreibung von Zuständen wird er nicht entraten können, da er es mit grossen Komplexen von gleichzeitig neben einander liegenden Elementen zu thun hat. Soll aber diese Beschreibung eine wirklich brauchbare Unter- lage für die historische Betrachtung werden, so muss sie sich an die realen Objekte halten, d. h. an die eben geschilderten psychischen Organismen. Sie muss ein möglichst getreues Bild derselben liefern, sie muss nicht bloss die Elemente, aus denen sie bestehen, vollständig aufzählen, sondern auch das Verhältnis derselben zu einander ver- anschaulichen, ihre relative Stärke, die mannigfachen Verbindungen, die sie unter einander eingegangen sind, den Grad der Enge und Festigkeit dieser Verbindungen ; sie muss, wollen wir es populärer aus- drücken, uns zeigen, wie sich das Sprachgefühl verhält. Um den Zustand einer Sprache vollkommen zu beschreiben, wäre es eigentlich erforderlich, an jedem einzelnen der Sprachgenossenschaft angehörigen Individuum das Verhalten der auf die Sprache bezüglichen Vorstellungs- massen vollständig zu beobachten und die an den einzelnen gewonnenen Resultate unter einander zu vergleichen. In Wirklichkeit müssen wir uns mit etwas viel Unvollkommenerem begnügen, was mehr oder weniger, immer aber sehr beträchtlich hinter dem Ideal zurückbleibt.

Wir sind häufig auf die Beobachtung einiger wenigen Individuen, ja eines einzelnen beschränkt und vermögen auch den Sprachorganismus

Beschreibung oiiics Sprachziistandes. 27

dieser weuigen oder dieses einzelnen nur partiell zu erkennen. Aus der Vergleichuiig- der einzelnen Spracliorganismen lässt sich ein ge- wisser Durchschnitt gewinnen, wonach das eigentlich Normale in der Sprache, der KSprachusus bestimmt wird. Dieser Durchschnitt kann natürlich um so sicherer festgestellt werden, je mehr Individuen und je vollständiger jedes einzelne beobachtet werden kann. Je unvoll- ständiger die Beobachtung ist, um so mehr Zweifel bleiben zurück, was individuelle Eigentümlichkeit und was allen oder den meisten gemein ist. Immer beherrscht der Usus, auf dessen Darstellung die Bestrebungen des Grammatikers fast allein gerichtet zu sein pflegen, die Sprache der Einzelnen nur bis zu einem gewissen Grade, daneben steht immer vieles, was nicht durch den Usus bestimmt ist, ja ihm direkt wider- spricht.

Der Beobachtung eines Sprachorganismus stellen sich auch im günstigsten Falle die grössten Schwierigkeiten in den Weg. Direkt ist er überhaupt nicht zu beobachten. Denn er ist ja etwas unbewusst in der Seele Ruhendes. Er ist immer nur zu erkennen an seinen Wir- kungen, den einzelnen Akten der Sprechthätigkeit. Erst mit Hülfe von vielen Schlüssen kann aus diesem ein Bild von den im Unbewussten lagernden Vorstellungsmassen gewonnen werden.

Von den physischen Erscheinungen der Sprechthätigkeit sind die akustischen der Beobachtung am leichtesten zugänglich. Freilich aber sind die Resultate unserer Gehörswahrnehmung grösstenteils schwer genau zu messen und zu definieren, und noch schwerer lässt sich von ihnen eine Vorstellung geben ausser wieder durch direkte Mitteilung für das Gehör. Weniger unmittelbar der Beobachtung zugänglich, aber einer genaueren Bestimmung und Beschreibung fähig sind die Be- wegungen der Sprechorgane. Dass es keine andere exakte Darstellung der Laute einer Sprache giebt, als diejenige, die uns lehrt, welche Organbewegungen erforderlich sind um sie hervorzubringen, das bedarf heutzutage keines Beweises mehr. Das Ideal einer solchen Darstellungs- weise ist nur da annähernd zu erreichen, wo wir in der Lage sind, Beobachtungen an lebendigen Individuen zu machen. Wo wir nicht so glücklich sind, muss uns dies Ideal wenigstens immer vor Augen schweben, müssen wir uns bestreben, ihm so nahe als möglich zu kommen, aus dem Surrogate der Buchstabenschrift die lebendige Er- scheinung, so gut es gehen will, herzustellen. Dies Bestreben kann aber nur demjenigen glücken, der einigermassen lautphysiologisch ge- schult ist, der bereits Beobachtungen an lebenden Sprachen gemacht hat, die er auf die toten übertragen kann, der sich ausserdem eine richtige Vorstellung über das Verhältnis von Sprache und Schrift ge- bildet hat. Es eröffnet sich also schon hier ein weites Feld für die

28 Kap. I. Allgemeines über die Spracheiitwickelung.

Kombination, schon hier zeigt sich Vertrautheit mit den Lebensbe- dingungen des Objekts als notwendiges Erfordernis.

Die psychische Seite der Sprechthätigkeit ist wie alles Psychische überhaupt unmittelbar nur durch Selbstbeobachtung zu erkennen. Alle Beobachtung an andern Individuen giebt uns zunächst nur physische Thatsachen. Diese auf psychische zurückzuführen gelingt nur mit Hülfe von Analogieschlüssen auf Grundlage dessen, w^as wir an der eigenen Seele beobachtet haben. Immer von neuem angestellte exakte Selbst- beobachtung, sorgfältige Analyse des eigenen Sprachgefühls ist daher unentbehrlich für die Schulung des Sprachforschers. Die Analogie- schlüsse sind dann natürlich am leichtesten bei solchen Objekten, die dem eigenen Ich am ähnlichsten sind. An der Muttersprache lässt sich daher das Wesen der Sprechthätigkeit leichter erfassen als an irgend einer anderen. Ferner ist man natürlich wieder viel besser daran, wo man Beobachtungen am lebenden Individuum anstellen kann, als wo man auf die zufälligen Reste der Vergangenheit angewiesen ist. Denn nur am lebenden Individuum kann man Resultate gewinnen, die von jedem Verdachte der Fälschung frei sind, nur hier kann man seine Beobachtungen beliebig vervollständigen und methodische Ex- perimente machen.

Eine solche Beschreibung eines Sprachzustandes zu liefern, die im stände ist eine durchaus brauchbare Unterlage für die geschicht- liche Forschung zu liefern, ') ist daher keine leichte, unter Umständen eine höchst schwierige Aufgabe, zu deren Lösung bereits Klarheit über das Wesen des Sprachlebens gehört, und zwar in um so höherem Grade, je unvollständiger und unzuverlässiger das zu Gebote stehende Material ist, und je verschiedener die darzustellende Sprache von der Muttersprache des Darstellers ist. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die gewöhnlichen Grammatiken weit hinter unsern Ansprüchen zurückbleiben. Unsere herkömmlichen grammatischen Kategorieen sind ein sehr ungenügendes Mittel die Gruppierungsweise der Sprachelemente zu veranschaulichen. Unser grammatisches System ist lange nicht fein genug gegliedert, um der Gliederung der psychologischen Gruppen adäquat sein zu können. Wir werden noch vielfach Veranlassung haben die Unzulänglichkeit desselben im einzelnen nachzuweisen. Es ver- führt ausserdem dazu das, was aus einer Sprache abstrahiert ist, in ungehöriger Weise auf eine andere zu übertragen. Selbst wenn man sich im Kreise des Indogermanischen hält, erzeugt die Anwendung der

^) UebrigCDS muss das,, was wir hier von der wisseuschaftlicheu Grammatik verlangen, auch von der praktischen gefordert werden, nur mit den Einschränkungen, welche die Fassungskraft der Schüler notwendig macht. Denn das Ziel der praktischen Grammatik ist ja doch die Einführung in das fremde Sprachgefühl.

Sprachbesclireibung. Ursache der SprachverUaderiing. 29

gleichen grammatischen Schablone viele Verkehrtheiten. Sehr leicht wird das Bild eines bestimmten Spraehzustandes getrübt, wenn dem Betrachter eine nahe verwandte Sprache oder eine ältere oder jüngere Entwickelungsstufe bekannt ist. Da ist die grösste Sorgfalt erforderlich, dass sich nichts Fremdartiges einmische. Nach dieser Seite hin hat gerade die historische Sprachforschung viel gesündigt, indem sie das, was sie aus der Erforschung des älteren Spraehzustandes abstrahiert hat, einfach auf den jüngeren übertragen hat. So ist etwa die Bedeu- tung eines Wortes nach seiner Etymologie bestimmt, während doch jedes Bewusstsein von dieser Etymologie bereits geschwunden und eine selbständige Entwickelung der Bedeutung eingetreten ist. So sind in der Flexionslehre die Rubriken der ältesten Periode durch alle folgenden Zeiten beibehalten w^orden, ein Verfahren, wobei zwar die Kachwirkungen der ursprünglichen Verhältnisse zu Tage treten, aber nicht die neue psychische Organisation der Gruppen.

§ 16. Ist die Beschreibung verschiedener Epochen einer Sprache nach unseren Forderungen eingerichtet, so ist damit eine Bedingung erfüllt, wodurch es möglich wird sich aus der Vergleichung der ver- schiedenen Beschreibungen eine Vorstellung von den stattgehabten Vor- gängen zu bilden. Dies wird natürlich um so besser gelingen, je näher sich die mit einander verglichenen Zustände stehen. Doch selbst die leichteste Veränderung des Usus pflegt bereits die Folge des Zusammen- wirkens einer Reihe von Einzelvorgängen zu sein, die sich zum grossen Teile oder sämtlich unserer Beobachtung entziehen.

Suchen wir zunächst ganz im allgemeinen festzustellen: was ist die eigentliche Ursache für die Veränderungen des Sprachusus? Ver- änderungen, welche durch die bewusste Absicht einzelner Individuen zu Stande kommen sind nicht absolut ausgeschlossen. Grammatiker haben an der Fixierung der Schriftsprachen gearbeitet. Die Terminologie der Wissenschaften, Künste und Gewerbe ist durch Lehrmeister, Forscher und Entdecker geregelt und bereichert. In einem despotischen Reiche mag die Laune des Monarchen hie und da in einem Punkte eingegriffen haben. Ueberwiegend aber hat es sich dabei nicht um die Schöpfung von etwas ganz Neuem gehandelt, sondern nur um die Regelung eines Punktes, in welchem der Gebrauch noch schwankte, und die Bedeutung dieser w411kührlichen Festsetzung ist verschwindend gegenüber den langsamen, ungewollten und unbewussten Veränderungen, denen der Sprachusus fortwährend ausgesetzt ist. Die eigentliche Ursache für die Veränderung des Usus ist nichts anderes als die ge- wöhnliche Sprechthätigkeit. Bei dieser ist jede absichtliche Ein- wirkung auf den Usus ausgeschlossen. Es wirkt dabei keine andere Absicht als die auf das augenblickliche Bedürfnis gerichtete, die Ab-

30 Kap. I. Allgemeines über die Sprachentwickelung.

sieht seine Wünsche und Gedanken anderen verständlich zu machen. Im übrigen spielt der Zweck bei der Ent Wickelung des Sprachusus keine andere Rolle als diejenige, welche ihm Darwin in der Entwicke- lung der organischen Natur angewiesen hat : die grössere oder geringere Zweckmässigkeit der entstandenen Gebilde ist bestimmend für Erhaltung oder Untergang derselben.

§ 17. Wenn durch die Sprechtbätigkeit der Usus verschoben wird, ohne dass dies von irgend jemand gewollt ist, so beruht das natürlich darauf, dass der Usus die Sprechtbätigkeit nicht vollkommen beherrscht, sondern immer ein bestimmtes Mass individueller Freiheit übrig lässt. Die Bethätigung dieser individuellen Freiheit wirkt zurück auf den psychischen Organismus des Sprechenden, wirkt aber zugleich auch auf den Organismus der Hörenden. Durch die Summierung einer Reihe solcher Verschiebungen in den einzelnen Organismen, wenn sie sich in der gleichen Richtung bewegen, ergiebt sich dann als Gesamtresultat eine Verschiebung des Usus. Aus dem anfänglich nur Individuellen bildet sich ein neuer Usus heraus, der eventuell den alten verdrängt. Daneben giebt es eine Menge gleichartiger Verschiebungen in den einzelnen Organismen, die, weil sie sich nicht gegenseitig stützen, keinen solchen durchschlagenden Erfolg haben.

Es ergiebt sich demnach, dass sich die ganze Prinzipienlehre der Sprachgeschichte um die Frage konzentriert: wie verhält sich der Sprachusus zur individuellen Sprechtbätigkeit? wie wird diese durch jenen bestimmt und wie wirkt sie umgekehrt auf ihn zurück V ')

Es handelt sich darum, die verschiedenen Veränderungen des Usus, wie sie bei der Sprachentwickelung vorkommen, unter allgemeine Kategorieen zu bringen und jede einzelne Kategorie nach ihrem Werden und ihren verschiedenen Entwickelungsstadien zu untersuchen. Um hierbei zum Ziele zu gelangen, müssen wir uns an solche Fälle halten, in denen diese einzelnen Entwickelungsstadien möglichst vollständig und klar vorliegen. Deshalb liefern uns im allgemeinen die modernen

^) Hieraus erhellt auch, dass Philologie uud Sprachwissenschaft ihr Gebiet nicht so gegen einander abgrenzen dürfen, dass die eine immer nur die fertigen Resultate der andern zu benutzen brauchte. Man könnte den Unterschied zwischen der Sprachwissenschaft und der philologischen Behandlung der Sprache nur so bestimmen, dass die erstere sich mit den allgemeinen usuell feststehenden Verhältnissen der Sprache beschäftigt, die letztere mit ihrer individuellen Anwendung, Nun kann aber die Leistung eines Schriftstellers nicht gehörig gewürdigt werden ohne richtige Vorstellungen über das Verhältnis seiner Produkte zu der Gesamtorganisation seiner Sprachvorstellungen und über das Verhältnis dieser Gesamtorganisation zum allgemeinen Usus. Umgekehrt kann die Umgestaltung des Usus nicht begriffen werden ohne ein Studium der individuellen Sprechthätigkeit. Im übrigen verweise ich auf Brugmann, Zum heutigen Stand der Sprachwissenschaft, S. 1 ff.

Ursache der Sprachveränderung. 31

Epochen das brauchbarste Material. Doch auch die geringste Ver- änderung des Usus ist bereits ein komplizierter Prozess, den wir nicht begreifen ohne Berücksichtigung der individuellen Modifikationen des Usus. Da, wo die gewöhnliche Grammatik zu sondern und Grenzlinien zu ziehen pflegt, müssen wir uns bemühen alle möglichen Zwischen- stufen und Vermittelungen aufzufinden.

Auf allen Gebieten des Sprachlebens ist eine allmählich abgestufte Entwickelung möglich. Diese sanfte Abstufung zeigt sich einerseits in den Modifikationen, welche die Individualsprachen erfahren, anderseits in dem Verhalten der Individualsprachen zu einander. Dies im einzelnen zu zeigen ist die Aufgabe meines ganzen Werkes. Hier sei zunächst nur noch darauf hingewiesen, dass der Einzelne zu dem Sprachmateriale seiner Genossenschaft teils ein aktives, teils ein nur passives Verhältnis haben kann, d. h. nicht alles, was er hört und versteht, wendet er auch selbst an. Dazu kommt, dass von dem Sprachmateriale, welches viele Individuen übereinstimmend anwenden, doch der eine dieses, der andere jenes bevorzugt. Hierauf beruht ganz besonders die Abweichung auch zwischen den einander am nächsten stehenden Individualsprachen und die Möglichkeit einer allmählichen Verschiebung des Usus.

§ 18. Die Sprach Veränderungen vollziehen sich an dem Individuum teils durch seine spontane Thätigkeit, durch Sprechen und Denken in den Formen der Sprache, teils durch die Beeinflussung, die es von andern Individuen erleidet. Eine Veränderung des Usus kann nicht wohl zu Stande kommen, ohne dass beides zusammenwirkt. Der Beeinflussung durch andere bleibt das Individuum immer ausgesetzt, auch wenn es schon das Sprachübliche vollständig in sich aufgenommen hat. Aber die Hauptperiode der Beeinflussung ist doch die Zeit der ersten Auf- nahme, der Spracherlernung. Diese ist prinzipiell von der sonstigen Beeinflussung nicht zu sondern, erfolgt auch im allgemeinen auf die gleiche Weise; es lässt sich auch im Leben des Einzelnen nicht wohl ein bestimmter Punkt angeben, von dem man sagen könnte, dass jetzt die Spracherlernung abgeschlossen sei. Aber der graduelle Unterschied ist doch ein enormer. Es liegt auf der Hand, dass die Vorgänge bei der Spracherlernung von der allerhöchsten Wichtigkeit für die Erklärung der Veränderungen des Sprachusus sind, dass sie die wichtigste Ursache für diese Veränderungen abgeben. Wenn wir, zwei durch einen längeren Zwischenraum von einander getrennte Epochen vergleichend, sagen, die Sprache habe sich in den und den Punkten verändert, so geben wir ja damit nicht den wirklichen Thatbestand an, sondern es verhält sich vielmehr so: die Sprache hat sich ganz neu erzeugt und diese Neu- schöpfung ist nicht völlig übereinstimmend mit dem Früheren, jetzt Untergegangenen ausgefallen.

32 Kap. I. Allgemeines über die Sprachentwickelung.

§ 19. Bei der Klassifizierung der Veränderungen des Sprach usus können wir nach verschiedenen Gesichtspunkten verfahren. Ich möchte zunächst einen wichtigen Unterschied allgemeinster Art hervorheben. Die Vorgänge können entweder positiv oder negativ sein, d. h. sie bestehen entweder in der Schöpfung von etwas Neuem oder in dem Untergang von etwas Altem, oder endlich drittens sie be- stehen in einer Unterschiebung, d. h. der Untergang des Alten und das Auftreten des Neuen erfolgt durch den selben Akt. Das letztere ist ausschliesslich der Fall bei dem Lautwandel. Scheinbar zeigt sich die Unterschiebung auch auf andern Gebieten. Dieser Schein wird dadurch hervorgerufen, dass man die Zwischenstufen nicht beachtet, aus denen sich ergiebt, dass in Wahrheit ein Nacheinander von positiven und negativen Vorgängen vorliegt. Die negativen Vorgänge beruhen immer darauf, dass in der Sprache der jüngeren Generation etwas nicht neu erzeugt wird, was in der Sprache der altern vorhanden war ; wir haben es also, genau genommen, nicht mit negativen Vorgängen, sondern mit dem Nichteintreten von Vorgängen zu thun. Vorbereitet aber muss das Nichteintreten dadurch sein, dass das später Unter- gehende auch schon bei der älteren Generation selten geworden ist. Eine Generation, die ein bloss passives Verhältnis dazu hat, schiebt sich zwischen eine mit noch aktivem und eine mit gar keinem Ver- hältnis.

Anderseits könnte man die Veränderungen des Usus danach ein- teilen, ob davon die lautliche Seite oder die Bedeutung betroffen wird. Wir erhalten danach zunächst Vorgänge, welche die Laute treffen, ohne dass die Bedeutung dabei in Betracht kommt, und solche, welche die Bedeutung treffen, ohne dass die Laute in Mitleidenschaft gezogen werden, d. h. also die beiden Kategorieen des Lautwandels und des Bedeutungswandels. Jeder Bedeutungswandel setzt voraus, dass die auf die Lautgestalt bezügliche Vorstellungsgruppe noch als die gleiche empfunden wird, und ebenso jeder Lautwandel, dass die Bedeutung unverändert geblieben ist. Das schliesst natürlich nicht aus, dass sich mit der Zeit sowohl der Laut als die Bedeutung ändern kann. Aber beide Vorgänge stehen dann in keinem Kausalzusammenhange mit ein- ander; es ist nicht etwa der eine durch den andern veranlasst oder beide durch die gleiche Ursache. Für andere Veränderungen kommen von vornherein Lautgestalt und Bedeutung zugleich in Frage. Hierher gehört zunächst die uranfängliche Zusammenknüpfung von Laut und Bedeutung, die wir als Ur Schöpfung bezeichnen können. Mit dieser hat natürlich die Sprachentwickelung begonnen, und alle anderen Vorgänge sind erst möglich geworden auf Grund dessen, was die Ur- schöpfung hervorgebracht hat. Ferner aber gehören hierher verschiedene

Arten der Spracliverändernng. Ursprimg der Sprache. Logik. 33

Vorgänge, die das mit einander gemein haben, dass die schon bestehen- den lantlichen Elemente der Sprache neue Kombinationen eingehen auf Grund der ihnen zukommenden Bedeutung. Der wichtigste Faktor dabei ist die Analogie, welche allerdings auch auf rein lautlichem Gebiete eine Rolle spielt, aber doch ihre Hauptwirksamkeit da hat, wo zu gleicher Zeit die Bedeutung mitwirkt.

§ 20. Wenn unsere Betrachtungsweise richtig durchgeführt wird, so müssen die allgemeinen Ergebnisse derselben auf alle Sprachen und auf alle Entwickelungsstufen derselben anwendbar sein, auch auf die Anfänge der Sprache überhaupt. Die Frage nach dem Ursprünge der Sprache kann nur auf Grundlage der Prinzipienlehre beantwortet werden. Andere Hilfsmittel zur Beantwortung giebt es nicht. Wir können nicht auf Grund der Ueberlieferung eine historische Schilderung von den Anfängen der Sprache entwerfen. Die Frage, die sich beant- worten lässt, ist überhaupt nur: wie war die Entstehung der Sprache möglich. Diese Frage ist befriedigend gelöst, wenn es uns gelingt die Entstehung der Sprache lediglich aus der Wirksamkeit derjenigen Fak- toren abzuleiten, die wir auch jetzt noch bei der Weiterentwickelung der Sprache immerfort wirksam sehen. Uebrigens lässt sich ein Gegen- satz zwischen anfänglicher Schöpfung der Sprache und blosser Weiter- entwicklung gar nicht durchführen. Sobald einmal die ersten Ansätze gemacht sind, ist Sprache vorhanden und Weiterentwickelung. Es existieren nur graduelle Unterschiede zwischen den ersten Anfängen der Sprache und den späteren Epochen.

§ 21. Noch auf einen Punkt muss ich hier kurz hinweisen. In der Opposition gegen eine früher übliche Behandlungsweise der Sprache, wonach alle grammatischen Verhältnisse einfach aus den logischen abgeleitet wurden, ist man soweit gegangen, dass man eine ßücksicht- nahme auf die logischen Verhältnisse, welche in der grammatischen Form nicht zum Ausdruck kommen, von der Sprachbetracbtung ganz ausgeschlossen wissen will. Das ist nicht zu billigen. So notwendig es ist einen Unterschied zwischen logischen und grammatischen Kate- gorieen zu machen, so notwendig ist es auf der andern Seite sich das Verhältnis beider zu einander klar zu machen. Grammatik und Logik treffen zunächst deshalb nicht zusammen, weil die Ausbildung und An- wendung der Sprache nicht durch streng logisches Denken vor sich geht, sondern durch die natürliche, ungeschulte Bewegung der Vor- stellungsmassen, die je nach Begabung und Ausbildung mehr oder weniger logischen Gesetzen folgt oder nicht folgt. Aber auch der wirklichen Bewegung der Vorstellungsmassen mit ihrer bald grösseren bald geringeren logischen Konsequenz ist die sprachliche Form des Aus- drucks nicht immer kongruent. Auch psychologische und grammatische

Paul, Prinzipien. III. Auflage , 3

34 Kap. I. Allgemeines über die Sprachentwickeluug.

Kategorie decken sich nicht. Daraus folgt, class der Sprachforscher beides auseinander halten muss, aber nicht, dass er bei der Analyse der menschlichen Rede auf psychische Vorgänge, die sich beim Sprechen und Hören vollziehen, ohne doch im sprachlichen Ausdruck zur Er- scheinung zu gelangen, keine Rücksicht zu nehmen brauchte. Gerade erst durch eine allseitige Berücksichtigung dessen, was in den Elementen, aus denen sich die individuelle Rede zusammensetzt, an sich noch nicht liegt, was aber doch dem Redenden vorschwebt, und vom Hörenden verstanden wird, gelaugt der Sprachforscher zur Erkenntnis des Ur- sprungs und der Umwandlungen der sprachlichen Ausdrucksformen. Wer die grammatischen Formen immer nur isoliert betrachtet ohne ihr Verhältnis zu der individuellen Seelenthätigkeit, gelangt nie zu einem Verständnis der Sprachentwickelung.

Kap. II. Die Sprach Spaltung.

§ 22. Es ist eine durch die vergleichende Sprachforschung zweifel- los sicher gestellte Thatsache, dass sich vielfach aus einer im wesent- lichen einheitlichen Sprache mehrere verschiedene Sprachen entwickelt haben, die ihrerseits auch nicht einheitlich geblieben sind, sondern sich in eine Reihe von Dialekten gespalten haben. Man sollte erwarten, dass sich bei der Betrachtung dieses Prozesses mehr als irgend wo anders die Analogieen aus der Entwickelung der organischen Natur aufdrängen müssten. Es ist zu verwundern, dass die Darwinisten unter den Sprachforschern sich nicht vorzugsweise auf diese Seite geworfen haben. Hier in der That ist die Parallele innerhalb gewisser Grenzen eine berechtigte und lehrreiche. Wollen wir diese Parallele ein wenig verfolgen, so kann es nur in der Weise geschehen, dass wir die Sprache des Einzelnen, also di^e Gesamtheit der Sprachmittel über die er ver- fügt, dem tierischen oder pflanzlichen Individuum gleich setzen, die Dialekte, Sprachen, Sprachfamilien etc. den Arten, Gattungen, Klassen des Tier- und Pflanzenreichs.

Es gilt zunächst in einem wichtigen Punkte die vollständige Gleichheit des Verhältnisses anzuerkennen. Der grosse Umschwung, welchen die Zoologie in der neuesten Zeit durchgemacht hat, beruht zum guten Teile auf der Erkenntnis, dass nichts reale Existenz hat als die einzelnen Individuen, dass die Arten, Gattungen, Klassen nichts sind als Zusammenfassungen und Sonderungen des menschlichen Verstandes, die je nach Willkür verschieden ausfallen können, dass Artunterschiede und individuelle Unterschiede nicht dem Wesen, sondern nur dem Grade nach verschieden sind. Auf eine entsprechende Grundlage müssen wir uns auch bei der Beurteilung der Dialektunterschiede stellen. Wir müssen eigentlich so viele Sprachen unterscheiden als es Individuen giebt. Wenn wir die Sprachen einer bestimmten Anzahl von Individuen zu einer Gruppe zusammenfassen und die anderer Individuen dieser Gruppe gegenüber ausschliessen, so abstrahieren wir dabei immer von

3*

36 Kap. IL Die Sprachspaltung.

gewissen Verschiedenheiten, während wir auf andere Wert legen. Es ist also der Willkür ein ziemlicher Spielraum gelassen. Dass sich überhaupt die individuellen Sprachen unter ein Klassensystem bringen lassen müssten, ist von vornherein nicht vorauszusetzen. Man muss darauf gefasst sein, so viele Gruppen man auch unterscheiden mag, eine Anzahl von Individuen zu finden, bei denen man zweifelhaft bleibt, ob man sie dieser oder jener unter zwei naheverwandten Gruppen zu- zählen soll. Und in das selbe Dilemma gerät man erst recht, wenn man die kleineren Gruppen in grössere zusammenzuordnen und diese gegen einander abzuschliessen versucht. Eine scharfe Souderung wird erst da möglich, wo mehrere Generationen hindurch die Yerkehrs- gemeinschaft abgebrochen gewesen ist.

Wenn man daher von der Spaltung einer früher einheitlichen Sprache in verschiedene Dialekte spricht, so ist damit das eigentliche Wesen des Vorganges sehr schlecht ausgedrückt. In Wirklichkeit werden in jedem Augenblicke innerhalb einer Volksgemeinschaft so viele Dialekte geredet als redende Individuen vorhanden sind, und zwar Dialekte, von denen jeder einzelne eine geschichtliche Entwickelung hat und in stätiger Veränderung begriffen ist. Dialektspaltung be- deutet nichts anderes als das Hinauswachsen der indivi- duellen Verschiedenheiten über ein gewisses Mass.

Ein anderer Punkt in dem wir uns eine Parallele gestatten dürfen, ist folgender. Die Entwickelung eines tierischen Individuums hängt von zwei Faktoren ab. Auf der einen Seite ist sie durch die Natur der Eltern bedingt, wodurch ihr ursprünglich auf dem Wege der Vererbung eine bestimmte Bewegungsrichtung mitgeteilt wird. Auf der andern Seite stehen alle die zufälligen Einwirkungen des Klimas, der Nahrung, der Lebensweise etc., denen das Individuum in seinem speziellen Dasein ausgesetzt ist. Durch den einen ist die wesentliche Gleichheit mit den Eltern bedingt, durch den andern eine Abweichung von denselben inner- halb gewisser Grenzen ermöglicht. So gestaltet sich die Sprache jedes Individuums einerseits nach den Einwirkungen der Sprachen seiner Verkehrsgenossen, die wir von unserm Gesichtspunkte aus als die Er- zeugerinnen seiner eignen betrachten können, anderseits nach den davon unabhängigen Eigenheiten und eigentümlichen Erregungen seiner geistigen und leiblichen Natur. Auch darin besteht Uebereinstimmung, dass der erstere Faktor stets der bei weitem mächtigere ist. Erst da- durch, dass jede Modifikation der Natur des Individuums, die von der anfänglich mitgeteilten Bewegungsrichtung ablenkt, mitbestimmend für die Bewegungsrichtung einer folgenden Generation wird, ergiebt sich mit der Zeit eine stärkere Veränderung des Typus. So auch in der Sprach- geschichte. Wir dürfen ferner von der Sprache wie von dem tierischen

I

Analogieen aus der organischen Natur. 37

Organismus behaupten: je niedriger die Entwickelungsstufe, desto stärker der zweite Faktor im Verhältnis zum ersten.

Auf der andern Seite dürfen wir aber die grossen Verschieden- heiten nicht übersehen, die zwischen der sprachlichen und der orga- nischen Zeugung bestehen. Bei der letzteren hört die direkte Einwirkung der Erzeuger bei einem bestimmten Punkte auf, und es wirkt nur die bis dahin mitgeteilte Bewegungsrichtung nach. An der Erzeugung der Sprache eines Individuums behalten die umgebenden Sprachen ihren Anteil bis zu seinem Ende, wenn auch ihre Einwirkungen in der frühesten Kindheit der betreffenden Sprache am mächtigsten sind und um so schwächer werden, je mehr diese wächst und erstarkt. Die Erzeugung eines tierischen Organismus geschieht durch ein Individuum oder durch ein Paar. An der Erzeugung der Sprache eines Individuums beteiligen sich die Sprachen einer grossen Menge anderer Individuen, aller, mit denen es überhaupt während seines Lebens in sprachlichen Verkehr tritt, wenn auch in sehr verschiedenem Grade. Und, was die Sache noch viel komplizierter macht, die verschiedenen individuellen Sprachen können bei diesem Zeugungsprozess im Verhältnis zu einander zugleich aktiv und passiv, die Eltern können Kinder ihrer eigenen Kinder sein. Endlich ist zu berücksichtigen, dass, auch wenn wir von der Sprache eines einzelnen Individuums reden, wir es nicht mit einem konkreten Wesen, sondern mit einer Abstraktion zu thun haben, ausser, wenn wir darunter die Gesamtheit der in der Seele an einander geschlossenen auf die Sprechthätigkeit bezüglichen Vorstellungsgruppen mit ihren mannigfach verschlungenen Beziehungen verstehen.

Der Verkehr ist es allein, wodurch die Sprache des Individuums erzeugt wird. Die Abstammung kommt nur insoweit in Betracht, als sie die physische und geistige Beschaffenheit des Einzelnen beeinflusst, die, wie bemerkt, allerdings ein Faktor in der Sprachgestaltung ist, aber im Verhältnis zu den Einflüssen des Verkehrs ein sehr untergeordneter.

§ 23. Gehen wir von dem unbestreitbar richtigen Satze aus, dass jedes Individuum seine eigene Sprache und jede dieser Sprachen ihre eigene Geschichte hat, so besteht das Problem, das zu lösen uns durch die Thatsache der Dialektbildung auferlegt wird, nicht sowohl in der Frage, wie es kommt, dass aus einer wesentlich gleichmässigen Sprache verschiedene Dialekte entspringen ; die Entstehung der Verschiedenheit scheint ja danach selbstverständlich. Die Frage, die wir zu beantworten haben, ist vielmehr die: wie kommt es, dass, indem die Sprache eines jedes Einzelnen ihre besondere Geschichte hat, sich gerade dieser grössere oder geringere Grad von Ueberein- stimmung innerhalb dieser so und so zusammengesetzten Gruppe von Individuen erhält?

38 Kap. IL Die Sprachspaltnng.

Alles Anwachsen der dialektischen Verschiedenheit beruht natür- lich auf der Veränderung des Sprachusus. Um so stärker die Ver- änderung, um so mehr Gelegenheit ist zum Wachstum der Verschieden- heit gegeben. Aber der Grad dieses Wachsturas ist nicht durch die Stärke der Veränderung allein bedingt, denn keine Veränderung schliesst notwendig eine bleibende Differenzierung ein, und die Umstände, welche auf die Erhaltung der Uebereinstimmung oder auf die baldige Wieder- herstellung derselben wirken, können in sehr verschiedenem Masse vorhanden sein.

Ohne fortwährende Differenzierung kann das Leben einer Sprache gar nicht gedacht werden. Wäre es denkbar, dass auf einem Sprach- gebiete einmal alle Individualsprachen einander vollständig gleich wären, so würde doch im nächsten Augenblicke der Ansatz zur Heraus- bildung von Verschiedenheiten unter ihnen gemacht werden. Die spon- tane Entwickelung einer jeden einzelnen muss nach den Besonderheiten in der Anlage und den Erlebnissen ihres Trägers eine besondere Richtung einschlagen. Der Einfluss, den der Einzelne übt oder erleitet, erstreckt sich immer nur auf einen Bruchteil der Gesamtheit, und innerhalb dieses Bruchteils finden bedeutende Gradverschiedenheiten statt. Dem- gemäss findet zwar auch eine immerwährende Ausgleichung der ein- getretenen Differenzierungen statt, die darin besteht, dass Abweichungen von dem bisherigen Usus entweder wieder zurückgedrängt werden oder auf Individuen übertragen, die sie spontan nicht entwickelt haben. Diese Ausgleichung wird aber nie eine vollständige. Eine annähernde wird sie immer nur innerhalb eines Kreises, in dem ein anhaltender reger Verkehr stattfindet. Je weniger intensiv der Verkehr ist, um so mehr Differenzen können sich bilden und erhalten. Noch weiter geht die Möglichkeit zur Differenzierung, wenn gar kein direkter Verkehr mehr besteht, sondern nur eine indirekte Verbindung durch Mittelglieder.

§ 24. Wäre die Verkehrsintensität auf allen Punkten eines Sprach- gebietes eine gleichmässige , so würden wir lauter Individualsprachen haben, von denen diejenigen, die in enger Verbindung unter einander stünden, immer nur wenig von einander differieren würden, während zwischen den entgegengesetzten Enden doch starke Verschiedenheiten entstanden sein könnten. Es würde dann nicht möglich sein eine Anzahl von Individualsprachen zu einer Gruppe zusammenzufassen, die man einer anderen solchen Zusammenfassung als ein geschlossenes Ganzes gegenüberstellen könnte. Jede Individualsprache Avürde als eine Zwischen- stufe zwischen mehreren andern aufgefasst werden können. Ein solches Verhältnis aber besteht nirgends und hat niemals bestanden. Es wäre nur denkbar, wenn keine natürlichen Grenzen existierten, keine poli- tischen und religiösen Verbände , wenn etwa das ganze Volk in einer

Veränderung n. Differenzierung. Verkehrsverhältnisse. 39

Ebene ohne grösseren Fluss wohnte in lauter Einzelgehöften in ungefähr gleich weitem Abstände von einander ohne gemeinsame Versammlungs- örter. Auch dann würde wenigstens die Gruppierung zu Familien- sprachen stattfinden. In Wirklichk(^it aber finden wir entweder ein Zusammenwohnen in Städten und Dörfern, respektive bei nomadischen Völkerschaften in Horden, oder, wo das System der P^inzelhöfe besteht, doch wenigstens kleinere und grössere politische und religiöse Verbände mit Versammlungsörtern. In den Gebirgsgegenden sind die einzelnen Thäler mehr oder weniger gegen einander abgeschlossen. Das Meer trennt Inseln ab. Selbst wo keine solche Hemmungen bestehen, liegen oft unkultivierte Landstrecken, Wald, Heide, Moor etc. zwischen den einzelnen Ansiedelungen. Es ist demnach notwendig, dass sich den natürlichen wie den politischen und religiösen Verkehrsverhältnissen entsprechend die Individualsprachen zu Gruppen zusammenschliessen, die verhältnismässig einheitlich und nach aussen abgeschlossen sind Solche Gruppen werden also zunächst von den kleinsten Verbänden den einzelnen Ortschaften gebildet. Wo ein Zusammenwohnen der Ortsangehörigen stattfindet, da wird jeder Einzelne dem andern näher stehen als dem x4ugehörigen eines anderen Ortes. Es kann sich also hier eine wirkliche Grenze herausbilden, die nicht durch Zwischenstufen verdeckt ist. Hier zuerst können deutlich merkbare und zugleich bleibende Verschiedenheiten entstehen, wie sie zwischen den Ange- hörigen des gleichen Ortes mindestens auf die Dauer sich nicht halten können. So lange aber Nachbarorte einen regen Verkehr unter ein- ander unterhalten, kann es auch sein, dass sich zwischen ihnen noch gar kein deutlich hervorstechender und dauernder Unterschied bildet, jedenfalls werden die Unterschiede unerheblich bleiben. Versucht man nun aber um jeden Ortsdialekt diejenigen benachbarten zu gruppieren, die mit demselben in einem regelmässigen Verkehr stehen, so wird man eine Menge sich gegenseitig durchschneidende Gruppen bekommen. Es kann für jeden einzelnen Ort die Gruppierung ein wenig anders ausfallen. Es können Orte hinzutreten oder wegfallen, und auch zu denjenigen, welche bleiben, kann das Verkehrsverhältnis sich etwas modifizieren.

§ 25. Jede Veränderung des Sprachusus ist ein Produkt aus den spontanen Trieben der einzelnen Individuen einerseits und den ge- schilderten Verkehrsverhältnissen anderseits. Ist ein spontaner Trieb gleichmässig über ein ganzes Sprachgebiet bei der Majorität verbreitet, so wird er sich auch rasch allgemein durchsetzen. Es kann aber sein, dass er in den verschiedenen Bezirken sehr verschieden stark verteilt ist. Unter solchen Umständen muss in den von einander abgelegenen Bezirken, die in keinem Verkehr mit einander stehn, die Ausgleichung,

40 Kap. IL Die Sprachspaltung.

soweit sie nötig ist, zu verschiedenem Resultate führen. Dazwischen wird dann der Kampf fortdauern und deshalb nicht leicht zur Ent- scheidung kommen, weil auf diesen Teil die eine, auf jenen die andere Seite stärker einwirkt. Dieses Zwischengebiet bildet einen Grenzwall, durch welchen die Einflüsse von der einen auf die andere Seite nicht durchdringen können, oder nur in solcher Abschwächung, dass sie so gut wie wirkungslos bleiben. Ein solches Zwischengebiet könnte nirgends fehlen, wenn die Kontinuität des Verkehres durch das ganze Spracligebiet hindurch eine gleichmässige wäre, wenn nirgends durch räumliche Abstände, natürliche Hindernisse oder politische Grenzen Verkehrshemmungen verursacht würden. Indem die gegenseitige Be- einflussung der durch solche Hemmungen getrennten Gebiete auf ein geringes Mass herabgesetzt wird, können sich auch deutliche Grenzen für dialektische Eigentümlichkeiten herausbilden. Ein völliges Abbrechen des Verkehres ist dazu nicht nötig. Er braucht nur so schwach zu werden, dass er ohne einen gewissen Grad spontanen Entgegenkommens wirkungslos bleibt. So kann auch eine zeitweilig bestehende Dialekt- grenze allmählich wieder aufgehoben werden, wenn sich das anfangs fehlende spontane Entgegenkommen späterhin einstellt, oder wenn die gleichen Einflüsse von verschiedenen Seiten her kommen.

§ 26. Jede sprachliche Veränderung und mithin auch die Ent- stehung jeder dialektischen Eigentümlichkeit hat ihre besondere Ge- schichte. Die Grenze, bis zu welcher sich die eine erstreckt, ist nicht massgebend für die Grenze der andern. Wäre allein das Intensitäts- verhältnis des Verkehres massgebend, so müssten allerdings wohl die Grenzen der verschiedenen Dialekteigenheiten durchaus zusammenfallen. Aber die spontanen Tendenzen zur Veränderung können sich in wesentlich anderer Weise verteilen, und danach muss sich das Resultat der gegen- seitigen Beeinflussung bestimmen. Wenn sich z. B. ein Sprachgebiet nach einem dialektischen Unterschiede in die Gruppen a und b sondert, so kann es sein und wird häufig vorkommen, dass die Sonderung nach einer andern Eigentümlichkeit damit zusammenfällt, es kann aber auch sein, dass ein Teil von a sich an b anschliesst, oder umgekehrt es kann sich sogar ein Teil von a und von b einem andern Teile von a und von b gegenüberstellen.

Ziehen wir daher in einem zusammenhängenden Sprachgebiete die Grenzen für alle vorkommenden dialektischen Eigentümlichkeiten, so erhalten wir ein sehr kompliziertes System mannigfach sich kreuzender Linien. Eine reinliche Sonderung in Hauptgruppen, die mau wieder in so und so viele Untergruppen teilt u. s. f , ist nicht möglich. Das Bild einer Stammtafel, unter dem man sich gewöhnlich die Verhältnisse zu veranschaulichen sucht, ist stets ungenau. Man bringt es nur zu

Spontaneität und Beeinflussung. Gruppierung der Dialekte. 41

Stande, indem man willkürlich einige Unterschiede als wesentlich herausgreift und über andere hinwegsieht. Sind wirklich die hervor- stechendsten Merkmale gewählt, so kann man vielleicht einer solchen Stammtafel nicht allen praktischen Wert für die Veranschaulichung absprechen, nur darf man sich nicht einbilden, dass damit eine wahrhaft erschöpfende, genaue Darstellung der Verhältnisse gegeben sei.

§ 27. Noch mehr gerät man mit der genealogischen Veranschau- lichung ins Gedränge, wenn man sich bemüht dabei auch die Chronologie der Entwickelung zu berücksichtigen, wie es doch für eine Genealogie erforderlich ist.

Da durch die Entstehung einiger Unterschiede der Verkehr und die gegenseitige Beeinflussung zwischen benachbarten Bezirken noch nicht aufgehoben ist, so kann bei später eintretenden Veränderungen die Entwickelung immer noch eine gemeinschaftliche sein. So können Veränderungen noch in einem ganzen Sprachgebiete durchdringen, nachdem dasselbe schon vorher mannigfach differenziert ist, oder zugleich in mehreren schon besonders gestalteten Teilen. So ist z. B. die Dehnung der kurzen Wurzelvokale (vgl. mhd. lesen, geben, reden etc.) in den nieder- und mitteldeutschen Mundarten wesentlich gleichmässig vollzogen, während viele ältere Veränderungen eine bei weitem geringere Ausdehnung erlangt haben. Wir müssen uns das auch bei der Beur- teilung der älteren Sprachperioden gegenwärtig halten, für die wir auf Rückschlüsse angewiesen sind. Man ist zu sehr gewohnt alle Ver- änderungen des ursprünglichen Sprachzustandes, die durch ein ganzes Gebiet hindurch gehen, dann ohne weiteres für älter zu halten als diejenigen, die auf einzelne Teile dieses Gebietes beschränkt sind, und man setzt von diesem Gesichtspunkte aus etwa eine gemeineuropäische, eine slavogermanische, slavolettische , urgermanische, ost- und west- germanische Grundsprache oder Entwickelungsperiode an. Es ist zwar gar nicht zu leugnen, dass im allgemeinen die grössere Ausdehnung einer sprachlichen Eigentümlichkeit einen Wahrscheinlichkeitsgrund für ihr höheres Alter abgiebt, aber ein sicherer Anhalt wird damit keines- wegs gewährt. Es wird auch ausser den Fällen, bei denen man es positiv nachweisen kann, verschiedene solche geben, in denen die weiter ausgedehnte Veränderung jünger ist, als die auf einen engeren Raum beschränkte.

Es sind auch nicht immer die am meisten hervortretenden Eigen- tümlichkeiten die ältesten. Die jetzt übliche Hauptteilung des Deutsehen in Ober-, Mittel- und Niederdeutsch beruht auf dem Stande der Laut- verschiebung. Diese hat wahrscheinlich nicht vor dem siebenten Jahrhundert begonnen und erstreckt sich bis ins neunte, ja in einigen Punkten sogar noch weiter. Schon vorher aber gab es erhebliche

42 Kap. II. Die Sprachspaltung.

Unterschiede, die bei der jetzigen Einteilung* in den Hintergrund ge- drängt sind. Unter Niederdeutsch z. B. sind drei von alters her nicht unwesentlich verschiedene Gruppen zusammengefasst, das Friesische, Sächsische und ein Teil des Fränkischen; das Fränkische ist unter Nieder- und Mitteldeutsch verteilt.

Man kann es auch gar nicht als einen allgenieingültigeu Satz hinstellen, dass die Gruppen, die am frühesten angefangen haben sich gegen einander zu differenzieren, auch am stärksten differenziert sein müssten, oder umgekehrt, dass bei den am stärksten differenzierten Gruppen die Differenzierung am frühesten begonnen haben müsste. Die Intensität des Verkehres kann sich etwas verändern. Die geo- graphische Lagerung der Gruppen zu einander kann sich verschieben. Auch ohne das kann spontanes Entgegenkommen die Veranlassung werden, dass neue Veränderungen über ältere Grenzen hinwegschreiten, während sie selbst vielleicht da eine Grenze finden, wo früher keine Grenze war. Oder es kann ein Bezirk, der längere Zeit mit einem benachbarten wesentlich gleiche, dagegen von den übrigen abweichende Entwicklung gehabt hat, von besonderen starken Veränderungen ergriffen werden, während der bisher mit ihm die gleichen Bahnen wandelnde Bezirk mit den übrigen auf der älteren Stufe zurückbleibt.

§ 28. Da es die ausgleichende Wirkung des Verkehrs nicht zulässt, dass zwischen nahe benachbarten Bezirken, die einen regelmässigen Verkehr unterhalten, zu schroffe Verschiedenheiten entstehen, so stellt beinahe jede kleine Gruppe eine Uebergangsstufe zwischen den nach den verschiedenen Seiten hin benachbarten Gruppen dar. Es ist eine ganz falsche Vorstellung, die immer noch vielfach verbreitet ist, dass Uebergangsstufen immer erst durch sekundäre Berührung zweier vorher abgeschlossener Dialekte entstünden. Natürlich will ich nicht behaupten, dass sie niemals so entstünden. Ein Uebergang kann durch eine Gruppe gebildet w^erden entweder dadurch, dass sie die wirkliche Zwischen- stufe zwischen zw^ei in den benachbarten Gruppen vorliegenden ab- weichenden Gestaltungen darbietet oder beide nebeneinander, oder da- durch, dass sie einige dialektische Eigentümlichkeiten mit dieser, andere mit jener Gruppe gemein hat. Bei dieser Gestaltung der Dialektver- hältnisse braucht das Verständnis zwischen benachbarten Bezirken nirgends behindert zu sein, weil die Abweichungen zu geringfügig sind und man sich ausserdem beiderseitig an dieselben gewöhnt, und es können darum doch zwischen den fernerliegenden Differenzen bestehen, die eine Verständigung unmöglich machen.

Dies Verhältnis lässt sich an den verschiedensten Sprachen be- obachten. Recht deutlich an der deutschen. Einem Schweizer ist es unmöglich einen Holsteiner, selbst nur einen Hessen oder einen Baiern

Gruppierung der Dialekte. Sprachtrennuug. 43

7A\ versteh(Mi, und doch ist er mit diesen indirekt durch ungehemmte Strömungen des Verkehres verbundeu. Die allmähliche Abstufung der deutschen Dialekte im grossen lässt sich vortrefflich an dem Verhalten zu der sogenannten hochdeutschen Lautverschiebung ') beobachten. Die S(ilbe Abstufung im kleinen kann man schon bei einer flüchtigen Durch- musterung von Firmenich, Germaniens Völkerstimmen gewahr werden. Ein noch viel deutlicheres Bild von der ausserordentlichen Mannig- faltigkeit der Abstufung giebt der von G. Wenker bearbeitete Sprach- atlas. Ebenso verhält es sich nicht bloss innerhalb der einzelnen romanischen Sprachen, sondern sogar innerhalb des ganzen romanischen Sprachgebietes. Die Grenzen der einzelnen Nationen sind nur nach den Schriftsprachen, nicht nach den Mundarten mit einiger Sicherheit zu bestimmen. So teilen z. B. norditalienische Dialekte wichtige Eigen- tümlichkeiten mit dem Französischen, und stehen den benachbarten Dialekten Frankreichs näher als der italienischen Schriftsprache oder der Mundart von Toscana. Das Gascognesche bildet in mehreren Hinsichten den Uebergang vom Provenzalischen (Südfranzösischen) zum Spanischen, das Sardinische den Uebergang vom Italienischen zum Spa- nischen, etc.

Bei dieser Schilderung der Entwickelung ist Sesshaftigkeit der Individuen vorausgesetzt. Jede Wanderung von Einzelnen oder gar von Massen bringt Modifikationen hervor, die wir als Mischungen in Kap. 22 zu behandeln haben. Ebenso modifizierend wirkt das Vorhandensein einer Schriftsprache, worüber in Kap. 23 zu handeln sein wird.

§ 29. Es kann natürlich auch der Fall eintreten, dass der Verkehr zwischen mehreren Teilen einer Sprachgenossenschaft vollständig unter- brochen wird durch starke natürliche oder politische Grenzen, durch Auswanderung des einen Teiles, durch Dazwischenschiebung eines frem- den Volkes und dergl. Von diesem Augenblicke an entwickelt sich auch die Sprache jedes einzelnen Teiles selbständig, und es bilden sich mit der Zeit schroffe Gegensätze heraus ohne vermittelnde Uebergänge. So entstehen mehrere selbständige Sprachen aus einer, und dieser Prozess kann sich zu mehreren Malen wiederholen.

Es ist kaum denkbar, dass je bis zu dem Augenblicke, wo eine solche Teilung einer Sprache in mehrere stattgefunden hat, durch das ganze Gebiet hindurch keine merklichen Verschiedenheiten bestanden haben sollten. Ohne mundartliche Unterschiede ist eine Sprache, die sich über ein einigermassen umfängliches Gebiet erstreckt und eine längere Entwickelung hinter sich hat, gar nicht zu denken. Man wird daher in der Regel die selbständigen Sprachen, die sich aus einer

0 Vgl. Braune, Beiträge 'zur Gesch. d. deutschen Spr. I, 1 if. und Nörrenberg, \\), IX, 371 ff,

44 Kap. IL Die Sprachspaltnng.

gemeiDsamen Ursprache entwickelt haben, als Fortsetzungen der Dia- lekte der Ursprache zu betrachten haben, und kann annehmen, dass ein Teil der zwischen ihnen bestehenden Unterschiede schon aus der Periode ihres kontinuierlichen Zusammenhanges herstammt. Von diesem Teile würde dann das selbe gelten, was überhaupt von mundartlichen Unterschieden eines zusammenhängenden Sprachgebietes gilt. Es könnte also, wenn wir die zu selbständigen Sprachen entwickelten Dialekte mit den Buchstaben des Alphabetes bezeichnen, a einiges mit b gemein haben im Gegensatz zu c und d, anders mit e im Gegensatz zu b und d, noch anderes mit d im Gegensatz zu b und c u. s. f., und diese Uebereinstimmuugen könnten auf einem wirklichen Kausalzusammen- hange beruhen. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen z. B. die Ver- hältnisse der indogermanischen Sprachfamilien zu einander beurteilt werden. Im einzelnen Falle aber ist es schwer zn entscheiden, ob zu der Uebereinstimmung in der Entwickelung wirklich gegenseitig Beein- flussung beigetragen b^t. Die Unmöglichkeit eines Zusammentreffens auch bei ganz selbständiger Entwickelung lässt sich kaum je darthun.

Die Trennung braucht auch nicht immer mit alten Dialektgrenzen zusammenzufallen, namentlich dann nicht, wenn sie durch Wanderungen veranlasst wird. Es kann sich ein Teil einer in den wesentlichsten Punkten übereinstimmenden Gruppe absondern, während der andere mit den übrigen ihm ferner stehenden Gruppen in Verbindung bleibt. Es können sich auch Teile verschiedener Gruppen zusammen loslösen. So ist z. B. das Angelsächsische ursprünglich mit dem Friesischen aufs engste verw^andt, ja es hat wahrscheinlich anf dem Kontinent niemals als besonderer Dialekt existiert, sondern ist erst entstanden, als friesische Scharen sich von der Heimat loslösten und einige Bestandteile aus andern germanischen Stämmen mit sich vereinigten. Das Angelsäch- sische hat dann aber seine Sonderentwickelung gehabt, während das Friesische im Zusammenhange mit den übrigen deutschen Mundarten geblieben ist. Zwischen englisch und deutsch giebt es eine scharfe Grenze, zwischen friesisch und niedersächsisch nicht.

§ 30= Das eigentlich charakteristische Moment in der dialektischen Gliederung eines zusammenhängenden Gebietes bleiben immer die Laut- verhältnisse. Ursache ist, dass bei der Gestaltimg derselben alles auf den direkten Einfluss durch unmittelbaren persönlichen Verkehr ankommt. Im Wortschatz und in der Wortbedeutung, im Formellen und im Syn- taktischen macht die mittelbare Uebertragung keine Schwierigkeiten. Was hier Neues entstanden ist. kann, wenn es sonst Anklang findet, ohne wesentliche Alterierung weithin wandern. Aber der Laut wird wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, niemals genau in der Gestalt weitergegeben, wie er empfangen ist. Wo schon ein klaffender

Spraclitrennung. Lautverhältnisse als Charakteristicuüi. 45

Riss besteht, da liört tiberhiiupt die Beeinflussung auf lautlichem Gebiete auf. So entwickeln sich denn hier viel stärkere Differenzen als im Wortschatz, in der Formenbildung- und Syntax, und jene Differenzen gehen gleichmässiger durch lange Zeiten hindurch als diese. Dagegen, wenn eine wirkliche Sprachtrennung eingetreten ist, können sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachen auf andern Gebieten eben so charakteristisch geltend machen als auf dem lautlichen.

Am wenigsten ist der Wortschatz und seine Verwendung charakte- ristisch. Hier finden am meisten üebertragungen aus einer Mundart in die andere wie aus einer Sprache in die andere statt. Hier giebt es mehr individuelle Verschiedenheiten als in irgend einer andern Hinsicht. Hier kann es auch Unterschiede geben, die mit den mundartlichen gar nichts zu thun haben und diese durchkreuzen. Auf jeder höheren Kulturstufe entstehen technische Ausdrücke für die verschiedenen Gewerbe, Künste und Wissenschaften, die vorwiegend oder ausschliesslich von einer be- stimmten Berufsklasse gebraucht und von den übrigen zum Teil gar nicht verstanden werden. Bei der Ausbildung solcher Kunstsprachen kommen übrigens ganz ähnliche Verhältnisse in Betracht wie bei der Entstehung der Mundarten. Eben dahin gehört auch der Unterschied von poetischer und prosaischer Sprache, der sich auch auf Formelles und Syntaktisches erstreckt. Eigenartige Verhältnisse haben im alten Griechenland auch zu absichtlich kunstv^oller Verwendung lautlicher Unterschiede geführt. Es kann aber auch eine poetische Sprache geben (und das ist das GeAvöhnliche), die in den verschiedensten dialektischen Lautgestaltungen sich doch immer gleichmässig gegen die prosaische Rede abhebt.

§ 31. Alle natürliche Sprachentwickelung führt zu einem stetigen, unbegrenzten Anwachsen der mundartlichen Verschiedenheiten. Die Ur- sachen, welche dazu treiben, sind mit den allgemeinen Bedingungen des Sprachlebens gegeben und davon ganz unzertrennlich. Es ist eine falsche Vorstellung, der man leider noch in sprachwissenschaftlichen Werken begegnet, die ein grosses Ansehen geniessen, dass die frühere zentrifugale Bewegung, durch welche die Mundarten entstanden seien, auf höherer Kulturstufe, bei reger entwickeltem Verkehre durch eine rückläufige, zentripetale abgelöst werde. Diese Vorstellung beruht auf ungenauer Beobachtung. Die Bildung einer Gemeinsprache, die man dabei im Auge hat, vollzieht sich nicht durch eine allmähliche An- gleichung der Mundarten aneinander. Die Gemeinsprache entspringt nicht aus den einzelnen Mundarten durch den selben Prozess, durch welchen eine jüngere Form der Mundart aus einer älteren entsprungen ist. Sie ist vielmehr ein fremdes Idiom, dem die Mundart aufgeopfert wird. Darüber in Kapitel 23.

Kap. III.

Der Lfiutwaiidel.')

§ 32. Um die Erscheinung zu begreifen, die man als Lautwandel zu bezeichnen pflegt, muss man sieh die physischen und psychischen Prozesse klar machen, welche immerfort bei der Hervorbringung der Lautkomplexe stattfinden. Sehen wir, wie wir hier dürfen und müssen von der Funktion ab, welcher dieselben dienen, so ist es Folgendes, was in Betracht kommt: erstens die Bewegungen der Sprechorgane, wie sie vermittelst Erregung der motorischen Nerven und der dadurch hervorgerufenen Muskelthätigkeit zu stände kommen ; zweitens die Reihe von Empfindungen, von welchen diese Bewegungen notwendigerweise begleitet sind, das Bewegungsgefühl, wie es Lotze^) und nach ihm Steinthal genannt haben; drittens die in den Hörern, wozu unter nor- malen Verhältnissen allemal auch der Sprechende selbst gehört, er- zeugten Tonempfindungen. Diese Empfindungen sind natürlich nicht bloss physiologische, sondern auch psychologische Prozesse. Auch nachdem die physische Erregung geschwunden ist, hinterlassen sie eine bleibende psychische Wirkung, Erinnerungsbilder, die von der höchsten Wichtigkeit für den Lautwandel sind. Denn sie allein sind es, welche die an sich vereinzelten physiologischen Vorgänge unter einander verbinden, einen Kausalzusammenhang zwischen der frühern und spätem Produktion des gleichen Lautkomplexes herstellen. Das Erinnerungsbild, welches die Empfindung der früher ausgeführten Be- wegungen hinterlassen hat, ist es, vermittelst dessen die Reproduktion

0 Mit diesem Kap. vgl. Kruszewski II, 260— S. Ill, 145—170.

2) Vgl. dessen Medizinische Psychologie (1S52) § 26, S. 304; auch Metaphysik II, S. 586 flf. Vgl. noch über das Bewegangsgefühl G. E. Müller. Zur Grundlegung der Psychophysik, §110. 111, und A.Strümpell, Archiv für klinische Medizin XXII S. 321 if. Wundt gebraucht dafür den Ausdruck Innervation. Jesperson in Techmers Zschr. III , 206 schlägt die Bezeichnung „Organgefühl" vor, weil das Gefühl nicht nur einer Bewegung, sondern auch einer Stellung der Sprechorgane entspreche. In einer Anm. dazu verlangt Techmer Unterscheidung zwischen „Drucksinn" und „innerer Innervationsempfindung" .

BewegUDgsgefühl u. Touempfindung. Grad der Bewiisstheit. 47

der gleichen RewegiiDgeu möglicli ist. RewegUDgsgefiihl und Ton- empiinclnng brauchen in keinem innern Zusammenhange unter einander zu stehen. Beide gehen aber eine äusserliche Assoziation ein, indem der Sprechende zugleich sich selbst reden hört. Durch das blosse An- hören anderer wird das Bewegungsgefühl nicht gegeben, und somit auch nicht die Fähigkeit den gehörten Lautkomplex zu reproduzieren, weshalb es denn immer erst eines Suchens, einer Einübung bedarf, um im Stande zu sein einen Laut, den man bis dahin nicht zu sprechen gewohnt ist, nachzusprechen.

§ 33. Es fragt sich, w^elchen Inhalt das Bewegungsgefühl und die Tonempfindung haben, und bis zu welchem Grade die einzelnen Momente dieses Lihalts bewusst werden. Vielleicht hat nichts so sehr die richtige Einsicht in die Natur des Lautwandels verhindert, als dass man in dieser Hinsicht die Weite und die Deutlichkeit des Bewusstseins überschätzt hat. Es ist ein grosser Irrtum, wenn man meint, dass um den Klang eines Wortes in seiner Eigentümlichkeit zu erfassen, so dass eine Erregung der damit assoziierten Vorstellungen möglich wird, die einzelnen Laute, aus denen das Wort sich zusammensetzt, zu deutlichem Bewusstsein gelangen müssten. Es ist sogar, um einen ganzen Satz zu verstehen, nicht immer nötig, dass die einzelnen Wörter ihrem Klange und ihrer Bedeutung nach zum Bewusstsein kommen. Die Selbst- täuschung, in der sich die Grammatiker bewegen, rührt daher, dass sie das Wort nicht als einen Teil der lebendigen, rasch vorrtiberrauschen- den Rede betrachten, sondern als etwas Selbständiges, über das sie mit Müsse nachdenken, so dass sie Zeit haben es zu zergliedern. Dazu kommt, dass nicht vom gesprochenen, sondern vom geschriebenen Worte ausgegangen wird. In der Schrift scheint allerdings das Wort in seine Elemente zerlegt, und es scheint erforderlich, dass jeder, der schreibt, diese Zerlegung vornimmt. In Wahrheit verhält es sich aber doch etw^as anders. Gewiss muss bei der Erfindung der Buchstaben- schrift und bei jeder neuen Anwendung derselben auf eine bisher nicht darin aufgezeichnete Sprache eine derartige Zerlegung vorgenommen sein. Auch muss fortwährend mit jeder Erlernung der Schrift eine Uebung im Buchstabieren gesprochener Wörter Hand in Hand gehen. Aber nachdem eine gewisse Fertigkeit erlangt ist, ist der Prozess beim Schreiben nicht gerade der, dass jedes Wort zunächst in die einzelnen Laute zerlegt würde und dann für jeden einzelnen Laut der betreffende Buchstabe eingesetzt. Schon die Schnelligkeit, mit der sich der Vor- gang vollzieht, schliesst die Möglichkeit aus, dass seine einzelnen Momente zu klarem Bewusstsein gelangen, und zeigt zugleich, dass das zu einem regelmässigen Ablauf nicht nötig ist. Es tritt aber auch ein wirklich abgekürztes Verfahren ein, wodurch die Schrift sich bis

48 Kap. III. Der Lautwandel.

zu einem gewissen Grade von der Sprache emanzipiert, ein Vorgang, den wir später noch näher zu betrachten haben werden. Und sehen wir nun gar ein wenig genauer zu, wie es mit dieser Zergliederungs- kunst des Schriftkundigen steht, so wird uns gerade daraus recht deutlich entgegentreten, wie übel es mit dem Bewusstsein von den Elementen des Wortlautes bestellt ist. Wir können täglich die Er- fahrung machen, dass die vielfachen Diskrepanzen zwischen Schrift und Aussprache von den Angehörigen der betreffenden Sprachgemeinschaft zum grossen Teil unbemerkt bleiben und erst dem Fremden auffallen, ohne dass auch er in der Eegel sich Rechenschaft zu geben vermag, worauf sie beruhen. So ist ein jeder nicht lautphysiologisch geschulte Deutsche der Ueberzeuguug, dass er schreibt, wie er spricht. Wenn er aber auch dem Engländer und Franzosen gegenüber eine gewisse Be- rechtigung zu dieser Ueberzeuguug hat, so fehlt es doch, von Feinheiten abgesehen, nicht an Fällen, in denen die Aussprache ziemlich stark von der Schreibung abweicht. Dass der Schlusskonsonant in Tag, Feld, Lieh in einem grossen Teile von Deutschland ein anderer Laut ist als der, welcher in Tages, Feldes, Lkhes gesprochen wird, dass das n in Anger einen wesentlich andern Laut bezeichnet als in Land, ist Wenigen ein- gefallen. Dass man im allgemeinen in Ungnade gutturalen, in imhillig labialen Nasal spricht, daran denkt niemand. Vollends wird man er- staunt angesehen, wenn man ausspricht, dass in lange kein g, in der zweiten Silbe von legen, reden. Bitter, schütteln kein e gesprochen werde, dass der Schlusskonsonant von lelen nach der verbreiteten Aussprache kein n, sondern ein m gleichfalls ohne vorhergehendes e sei. Ja man kann darauf rechnen, dass die meisten diese Thatsachen bestreiten werden, auch nachdem sie darauf aufmerksam gemacht worden sind. Wenigstens habe ich diese Erfahrung vielfach gemacht, auch an Philologen. Wir sehen daraus, wie sehr die Analyse des Wortes etwas bloss mit der Schrift Angelerntes ist, und wie gering das Gefühl für die wirklichen Elemente des gesprochenen Wortes ist.

§ 34. Eine wirkliche Zerlegung des Wortes in seine Elemente ist nicht bloss sehr schwierig, sie ist geradezu unmöglich. Das Wort ist nicht eine Aneinandersetzung einer bestimmten Anzahl selbständiger Laute, von denen jeder durch ein Zeichen des Alphabetes ausgedrückt werden könnte, sondern es ist im Grunde immer eine kontinuierliche Reihe von unendlich vielen Lauten, und durch die Buchstaben werden immer nur einzelne charakteristische Punkte dieser Reihe in unvollkommener Weise angedeutet. Das Uebrige, was un bezeichnet bleibt, ergiebt sich allerdings aus der Bestimmung dieser Punkte bis zu einem gewissen Grade mit Notwendigkeit, aber auch nur bis zu einem gewissen Grade. Am deutlichsten lässt sich diese Kontinuität

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Grad der Bewusstheit des T.autbildes und des Bewegungsgefiihls. 49

an den ^Jog'ODannten Diphthongen erkennen, die eine solche Keihe von unendlich vielen Elementen darstellen, vgl. Sievers, Phonetik ^ Kap. 19,2. Durch Sievers ist überhaupt zuerst die Bedeutung der Uebergangslaute nachdrücklich hervorgehoben. Aus dieser Kontinuität des Wortes aber folgt, dass eine Vorstellung von den einzelnen Teilen nicht etwas von selbst Gegebenes sein kann, sondern erst die Frucht eines, wenn auch noch so primitiven, wissenschaftlichen Nachdenkens, wozu zuerst das praktische Bedürfnis der Lautschrift geführt hat.

Was von dem Lautbilde gilt, das gilt natürlich auch von dem Bewegungsgefühle. Ja wir müssen hier noch weiter gehen. Es kann gar keine Rede davon sein, dass der Einzelne eine Vorstellung von den verschiedenen Bewegungen hätte, die seine Organe beim Sprechen machen. Man weiss ja, dass dieselben erst durch die sorgfältigste wissenschaftliche Beobachtung ermittelt werden können, und dass über viele Punkte auch unter den Forschern Kontroversen bestehen. Selbst die oberflächlichsten und gröbsten Anschauungen von diesen Bewegungen kommen erst durch eine mit Absicht darauf gelenkte Aufmerksamkeit zu Stande. Sie sind auch ganz überflüssig um mit aller Exaktheit Laute und Lautgruppen hervorzubringen, auf die man einmal eingeübt ist. Der Hergang scheint folgender zu sein. Jede Bewegung erregt in bestimmter Weise gewisse sensitive Nerven und ruft so eine Empfindung hervor, welche sich mit der Leitung der Bewegung von ihrem Centrum durch die motorischen Nerven assoziiert. Ist diese Assoziation hin- länglich fest geworden und das von der Empfindung hinterlassene Erinnerungsbild hinlänglich stark, was in der Regel erst durch Einübung erreicht wird (d. h. durch mehrfache Wiederholung der gleichen Be- wegung, vielleicht mit vielen missglückten Versuchen untermischt), dann vermag das Erinnerungsbild der Empfindung die damit assoziierte Be- wegung als Reflex zu reproduzieren, und wenn die dabei erregte Empfindung zu dem Erinnerungsbilde stimmt, dann hat man auch die Versicherung, dass man die nämliche Bewegung wie früher ausgeführt hat.

§ 35. Man könnte aber immerhin einräumen, dass der Grad der Bewusstheit, welchen die einzelnen Momente des Lautbildes und des Bewegungsgefühles durch Erlernung der Schrift und sonst durch Reflexion erlangen, ein viel grösserer wäre, als er wirklich ist; man könnte ein- räumen, dass zur Erlernung der Muttersprache sowohl wie jeder fremden ein ganz klares Bewusstsein dieser Elemente erforderlich wäre, wie denn unzweifelhaft ein höherer Grad von Klarheit erforderlich ist als bei der Anw^endung des Eingeübten: daraus würde aber nicht folgen, dass es nun auch immerfort wieder in der täglichen Rede zu dem selben Grade der Klarheit kommen müsste. Vielmehr liegt es in der Natur des psychischen Organismus, dass alle anfangs nur bewusst wirkenden

Paul, Prinzipien. III. Auflage, 4

50 Kap. III. Der Lautwandel.

Vorstellungen durch Uebung die Fähigkeit erlangen auch unbewusst zu wirken, und dass erst eine solche unbewusste Wirkung einen so raschen Ablauf der Vorstellungen möglich macht, wie er in allen Lagen des täglichen Lebens und auch beim Sprechen erfordert wird. Selbst der Lautphysiologe von Beruf wird sehr vieles sprechen und hören, ohne dass bei ihm ein einziger Laut zu klarem Bewusstsein gelangt.

Für die Beurteilung des natürlichen, durch keine Art von Schul- meisterei geregelten Sprachlebens muss daher durchaus an dem Grund- satze festgehalten werden, dass die Laute ohne klares Bewusstsein erzeugt und perzipiert werden. Hiermit fallen alle Erklärungstheorieen, welche in den Seelen der Individuen eine Vorstellung von dem Laut- system der Sprache voraussetzen, wohin z. B. mehrere Hypothesen über die germanische Lautverschiebung gehören.

§ 36. Anderseits a])er schliesst die UnbeAvusstheit der Elemente nicht eine genaue Kontrolle aus. Man kann unzähligem ale eine ge- wohnte Lautgruppe sprechen oder hören, ohne jemals daran zu denken, dass es eben diese, so und so zusammengesetzte Gruppe ist; sobald aber in einem Elemente eine Abweichung von dem Gewohnten eintritt, die nur sehr geringfügig zu sein braucht, wird sie bemerkt, wofern keine besondern Hemmungen entgegenstehen, wie überhaupt jede Ab- weichung von dem gewohnten unbewussten Verlauf der Vorstellungen zum Bewusstsein zu gelangen pflegt. Natürlich ist mit dem Bewusstsein der Abweichung nicht auch schon das Bewusstsein der Natur und Ur- sache der Abweichung gegeben.

Die Möglichkeit der Kontrolle reicht soweit wie das Unter- scheidungsvermögen. Dieses geht aber nicht bis ins Unendliche, während die Möglichkeit der Abstufung in den Bewegungen der Sprechorgane und natürlich auch in den dadurch erzeugten Lauten allerdings eine unendliche ist. So liegt zwischen a und ? sowohl wie zwischen a und u eine unbegrenzte Zahl möglicher Stufen des Vokal- klanges. Ebenso lassen sich die Artikulationsstellen sämtlicher Zungen- Gaumenlaute in dem Bilde einer kontinuierten Linie darstellen, auf welcher jeder Punkt der bevorzugte sein kann. Zwischen ihnen und den Lippenlauten ist allerdings kein so unmerklicher Uebergang möglich; doch stehen die denti-labialen in naher Beziehung zu den denti-lingualen {th /■). Ebenso ist auch der Uebergang von Verschlusslaut zu Reibelaut imd umgekehrt allmählich zu bewerkstelligen ; denn vollständiger Ver- schluss und möglichste Verengung liegen unmittelbar beisammen. Vollends alle Unterschiede der Quantität, der Tonhöhe, der Energie in der Arti- kulation oder in der Expiration sind in unendlich vielen Abstufungen denkbar. Und so noch vieles andere. Dieser Umstand ist es vor allem, wodurch der Lautwandel begreiflich wird.

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Kontrolle des Gesprochenen. Schwankungen in der Aussprache. 51

Bedenkt man nun, dass es nicht bloss auf die Unterschiede in denjenigen Lauten ankommt, in die man gewöhnlich ungenauer Weise das Wort zerlegt, sondern auch auf die Unterschiede in den Uebergangs- lauten, im Accent, im Tempo etc., bedenkt man ferner, dass immer ungleiche Teilchen je mit einer Reihe von gleichen Teilchen zusammen- gesetzt sein können, so erhellt, dass eine ausserordentlich grosse Mannigfaltigkeit der Lautgruppen möglich ist, auch bei verhältnismässig geringer Differenz. Deshalb können auch recht merklich verschiedene Gruppen wegen ihrer überwiegenden Aelmlichkeit immer noch als wesent- lich identisch empfunden werden, und dadurch ist das Verständnis zwischen Angehörigen verschiedener Dialekte möglich, so lange die Verschiedenheiten nicht über einen gewissen Grad hinausgehen. Des- halb kann es aber auch eine Anzahl von Variationen geben, deren Verschiedenheiten man entweder gar nicht oder nur bei besonders darauf gerichteter Aufmerksamkeit wahrzunehmen im stände ist.

§ 37. Die frühe Kindheit ist für jeden Einzelnen ein Stadium des Experimentierens, in welchem er durch mannigfache Bemühungen allmählich lernt, das ihm von seiner Umgebung Vorgesprochene nach- zusprechen. Ist dies erst in möglichster Vollkommenheit gelungen, so tritt ein verhältnismässiger Stillstand ein. Die früheren bedeutenden Schwankungen hören auf, und es besteht fortan eine grosse Gleichmässig- keit in der Aussprache, sofern nicht durch starke Einwirkungen fremder Dialekte oder einer Schriftsprache Störungen eintreten. Die Gleichmässig- keit kann aber niemals eine absolute werden. Geringe Schwankungen in der Aussprache des gleichen Wortes an der gleichen Satzstelle sind unausbleiblich. Denn überhaupt bei jeder Bewegung des Körpers, mag sie auch noch so eingeübt, mag das Bewegungsgefühl auch noch so vollkommen entwickelt sein, bleibt doch noch etwas Unsicherheit übrig, bleibt es doch noch bis zu einem gewissen, wenn auch noch so geringen Grade dem Zufall überlassen, ob sie mit absoluter Exaktheit ausgeführt wird, oder ob eine kleine Ablenkung von dem regelrechten Wege nach der einen oder andern Seite eintritt. Auch der geübteste Schütze verfehlt zuweilen das Ziel und würde es in den meisten Fällen verfehlen, wenn dasselbe nur ein wirklicher Punkt ohne alle Aus- dehnung wäre, und wenn es an seinem Geschosse auch nur einen einzigen Punkt gäbe, der das Ziel berühren könnte. Mag jemand auch eine noch so ausgeprägte Handschrift haben, deren durchstehende Eigentümlichkeiten sofort zu erkennen sind, so wird er doch nicht die gleichen Buchstaben und Buchstabengruppen jedesmal in völlig gleicher Weise produzieren. Nicht anders kann es sich mit den Bewegungen verhalten, durch welche die Laute erzeugt werden. Diese Variabilität der Aussprache, die wegen der engen Grenzen, in denen sie sich

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52 Kap. III. Der Lautwandel.

bewegt, unbeachtet bleibt, enthält den Schlüssel zum Verständnis der sonst unbegreiflichen Thatsache, dass sich allmählich eine Veränderung des Usus in Bezug auf die lautliche Seite der Sprache vollzieht, ohne dass diejenigen, an welchen die Veränderung vor sich geht, die geringste Ahnung davon haben.

Würde das Bewegungsgefühl als Erinnerungsbild immer unver- ändert bleiben, so würden sich die kleinen Schwankungen immer um den selben Punkt mit dem selben Maximum des Abstandes bewegen. Nun aber ist dies Gefühl das Produkt aus sämtlichen früheren bei Ausführung der betreffenden Bewegung empfangenen Eindrücken, und zwar verschmelzen nach allgemeinem Gesetze nicht nur die völlig iden- tischen, sondern auch die unmerklich von einander verschiedenen Ein- drücke mit einander. Ihrer Verschiedenheit entsprechend muss sich auch das Bewegungsgefühl mit jedem neuen Eindruck etwas umgestalten, wenn auch noch so unbedeutend. Es ist dabei noch von Wichtigkeit, dass immer die späteren Eindrücke stärker nachwirken als die früheren. Man kann daher das Bewegungsgefühl nicht etwa dem Durchschnitt aller während des ganzen Lebens empfangenen Eindrücke gleichsetzen, sondern die an Zahl geringeren können das Gewicht der häufigeren durch ihre Frische übertragen. Mit jeder Verschiebung des Bewegungs- gefühls ist aber auch, vorausgesetzt, dass die Weite der möglichen Divergenz die gleiche ])leibt, eine Verschiebung der Grenzpunkte dieser Divergenz gegeben.

§ 38. Denken wir uns nun eine Linie, in der jeder Punkt genau fixiert ist, als den eigentlich normalen Weg der Bewegung, auf den das Bewegungsgefühl hinführt, so ist natürlich der Abstand von jedem Punkte, der als Maximum bei der wirklich ausgeführten Bewegung ohne Widerspruch mit dem Bewegungsgefühl statthaft ist, im allgemeinen nach der einen Seite gerade so gross als nach der entgegengesetzten. Daraus folgt aber nicht, dass die wirklich eintretenden Abweichungen sich nach Zahl und Grösse auf beide Seiten gleichmässig verteilen müssen. Diese Abweichungen, die durch das Bew^egungsgefühl nicht bestimmt sind, haben natürlich auch ihre Ursachen, und zwar Ursachen, die vom Bewegungsgefühle ganz unabhängig sind. Treiben solche Ur- sachen genau gleichzeitig mit genau gleicher Stärke, nach entgegen- gesetzten Richtungen hin, so heben sich ihre Wirkungen gegenseitig auf, und die Bewegung wird mit voller Exaktheit ausgeführt. Dieser Fall wird nur äusserst selten eintreten. Bei weitem in den meisten Fällen wird sich das Uebergewicht nach der einen oder der andern Seite neigen. Es kann aber das Verhältnis der Kräfte nach Umständen mannigfach wechseln. Ist dieser Wechsel für die eine Seite so günstig wie für die andere, wechselt im Durchschnitt eine Schwankung nach

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Verschiebung des Bewegungsgefiihles. Ursachen derselben. 53

der einen Seite immer mit einer entsprechenden nach der andern, so werden auch die minimalen Verschiebungen des Bewegungsgefiihls immer alsbald wieder paralysiert. Ganz anders aber gestalten sich die Dinge, wenn die Ursachen, die nach der einen Seite drängen, das Ueber- gewicht über die entgegengesetzt wirkenden haben, sei es in jedem einzelnen Falle, sei es auch nur in den meisten. Mag die anfängliche Abweichung auch noch so gering sein, indem sich dabei auch das Be- wegungsgefühl um ein Minimum verschiebt, so wird das nächste Mal schon eine etwas grössere Abweichung von dem Ursprünglichen möglich und damit wieder eine Verschiebung des Bewegungsgefühls, und so entsteht durch eine Summierung von Verschiebungen, die man sich kaum klein genug vorstellen kann, allmählich eine merkliche Differenz, sei es, dass die Bewegung stetig in einer bestimmten Richtung fort- schreitet, sei es, dass der Fortschritt immer wieder durch Rückschritte unterbrochen wird, falls nur die letzteren seltener und kleiner sind als die ersteren.

Die Ursache, warum die Neigung zur Abweichung nach der einen Seite hin grösser ist als nach der andern, kann kaum anders worin gesucht werden, als dass die Abweichung nach der ersteren den Organen des Sprechenden in irgend welcher Hinsicht bequemer ist. Das Wesen dieser grösseren oder geringeren Beciuemlichkeit zu unter- suchen ist eine rein physiologische Aufgabe. Damit soll nicht gesagt sein, dass sie nicht auch psychologisch bedingt ist. Accent und Tempo, die dabei von so entscheidender Bedeutung sind, auch die Energie der Muskelthätigkeit sind wesentlich von psychischen Bedingungen abhängig, aber ihre Wirkung auf die Lautverhältnisse ist doch etwas Physio- logisches. Bei der progressiven Assimilation kann es nur die Vor- stellung des noch zu sprechenden Lautes sein, was auf den vorher- gehenden einwirkt; aber das ist ein gleichmässig durchgehendes psy- chisches Verhältnis von sehr einfacher Art, während alle spezielle Bestimmung des Assimilationsprozesses auf einer Untersuchung über die physische Erzeugung der betreffenden Laute basiert werden muss.

Für die Aufgabe, die wir uns hier gestellt haben, genügt es auf einige allgemeine Gesichtspunkte hinzuweisen. Es giebt eine grosse Zahl von Fällen, in denen sich schlechthin sagen lässt : diese Lautgruppe ist bequemer als jene. So sind ital. otto^ cattivo zweifellos bequemer zu sprechen als lat. odo^ nhd. empfangen^ als ein nicht von Aus- gleichung betroffenes ^entfanyen sein würde. Vollständige und par- tielle Assimilation ist eine in allen Sprachen wiederkehrende Erscheinung. Wenn es sich dagegen um den Einzellaut handelt, so lassen sich kaum irgend welche allgemeine Grundsätze über, grössere oder geringere Be- quemlichkeit des einen oder andern aufstellen, und alle aus beschränkten

54 Kap. III. Der Lautwandel.

Gebieten abstrahierten Tlieorieen darüber zeigen sich in ihrer Nichtig- keit einer reicheren Erfahrung gegenüber. Und auch für die Kom- bination mehrerer Laute lassen sich keineswegs durchAveg allgemeine Bestimmungen geben. Zunächst hängt die Bequemlichkeit zu einem guten Teile von den Quantitätsverhältnissen und von der Accentuation, der expiratorischen wie der musikalischen ab. Für die lange Silbe ist etwas anderes bequem als für die kurze, für die betonte etwas anderes als für die unbetonte, für den Circumflex etwas anderes als für den Gravis oder Akut. Weiter aber richtet sich die Bequemlichkeit nach einer Menge von Verhältnissen, die für jedes Individuum ver- schieden sein, aber auch grösseren Gruppen in gleicher oder ähnlicher Weise zukommen können, ohne von andern geteilt zu werden. Ins- besondere wird dabei ein Punkt zu betonen sein. Es besteht in allen Sprachen eine gewisse Harmonie des Lautsystems. Man sieht daraus, dass die Richtung, nach welcher ein Laut ablenkt, mitbedingt sein muss durch die Richtung der übrigen Laute. Wie Sievers hervorgehoben hat, kommt dabei sehr viel auf die sogenannte Indifferenzlage der Organe an. Jede Verschiedenheit derselben bedingt natürlich auch eine Verschiedenheit in Bezug auf die Bequemlichkeit der einzelnen Laute. Eine allmähliche Verschiebung der Indiiferenzlage wird ganz nach Analogie dessen, was wir oben über die des Bewegungsgefühls gesagt haben, zu beurteilen sein.

§ 39. Es ist von grosser Wichtigkeit sich stets gegenwärtig zu halten, dass die Bequemlichkeit bei jeder einzelnen Lautproduktion immer nur eine sehr untergeordnete Nebenursache abgiebt, während das Bewegungsgefühl immer das eigentlich Bestimmende bleibt. Einer der gewöhnlichsten Irrtümer, dem man immer wieder begegnet, besteht darin, dass eine in einem langen Zeiträume durch massenhafte kleine Verschiebungen entstandene Veränderung auf einen einzigen Akt des Bequemlichkeitsstrebens zurückgeführt wird. Dieser Irrtum hängt zum Teil mit der Art zusammen, wie Lautregeln in der praktischen Grammatik und danach auch vielfach in Grammatiken, die den Anspruch auf AVissen- schaftlichkeit erheben, gefasst werden. Man sagt z. B.: wenn ein tönen- der Konsonant in den Auslaut tritt, so wird er in dieser Sprache zu dem entsprechenden tonlosen (vgl. mhd. iuide mcit, ribe reip), als ob man es mit einer jedesmal von neuem eintretenden Veränderung zu thun hätte, die dadurch veranlasst wäre, dass dem Auslaut der ton- lose Laut bequemer liegt. In Wahrheit aber ist es dann das durch die Ueberlieferung ausgebildete Bewegungsgefühl, w^elches den tonlosen Laut erzeugt, während die allmähliche Reduzierung des Stimmtons bis zu gänzlicher Vernichtung und die etwa damit verbundene Verstärkung des Exspirationsdruckes einer vielleicht schon längst vergangenen Zeit

Bewegiiügsg'cfiilil und Be(iUomlichkci^ Koutrolle durch das Lautbild. 55

angehören. Ganz verkehrt ist es auch, das Eintreten eines Lautwandels immer auf eine besondere Trägheit, Lässigkeit oder Unachtsamkeit zurückzuführen und das Unterbleiben desselben anderswo einer be- sondern Sorgfalt und Aufmerksamkeit zuzuschreiben. Wohl mag es sein, dass das Bewegungsgefühl nicht überall zu der gleichen Sicherheit ausgebildet ist. Aber irgend welche Anstrengung zur Verhütung eines Lautwandels giebt es nirgends. Denn die Betreffenden haben gar keine Ahnung davon, dass es etwas derartiges zu verhüten giebt, sondern leben immer in dem guten Glauben, dass sie heute so sprechen, wie sie vor Jahren gesprochen haben, und dass sie bis an ihr Ende so weiter sprechen werden. Würde jemand im stände sein die Organ- bewegungen, die er vor vielen Jahren zur Hervorbringung eines Wortes gemacht hat, mit den gegenwärtigen zu vergleichen, so würde ihm vielleicht ein Unterschied auffallen. Dazu giebt es aber keine Möglich- keit. Der einzige Massstab, mit dem er messen kann, ist immer das Bewegungsgefühl, und dieses ist entsprechend modifiziert, ist so, wie es zu jener Zeit gewesen ist, nicht mehr in der Seele.

§40. Eine Kontrolle giebt es aber dennoch, wodurch der eben geschilderten Entwickelung des einzelnen Lidividuums eine mächtige Hemmung entgegengesetzt wird: das ist das Lautbild. Während sich das Bewegungsgefühl nur nach den eigenen Bewegungen bildet, gestaltet sich das Lautbild ausser aus dem Selbstgesprochenen auch aus allem dem, was man von denjenigen hört, mit denen man in Verkehrsgemein- schaft steht. Träte nun eine merkliche Verschiebung des Bewegungs- gefühles ein, der keine entsprechende Verschiebung des Lautbildes zur Seite stünde, so würde sich eine Diskrepanz ergeben zwischen dem durch ersteres erzeugten Laute und dem aus den früheren Empfindungen gewonnenen Lautbilde. Eine solche Diskrepanz wird vermieden, indem sich das Bewegungsgefühl nach dem Lautbilde korrigiert. Dies ge- schieht in der selben Weise, wie sich zuerst in der Kindheit das Be- wegungsgefühl nach dem Lautbilde regelt. Es gehört eben zum eigen- sten Wesen der Sprache als eines Verkehrsmittels, dass der Einzelne sich in steter Uebereinstimmung mit seinen Verkehrsgenossen fühlt. Natürlich besteht kein bewusstes Streben danach, sondern die Forderung solcher Uebereinstimmung bleibt als etwas Selbstverständliches unbewusst. Dieser Forderung kann auch nicht mit absoluter Exaktheit nachge- kommen werden. Wenn schon das Bewegungsgefühl des Einzelnen seine Bewegungen nicht völlig beherrschen kann und selbst kleinen Schwankungen ausgesetzt ist, so muss der freie Spielraum für die Be- wegung, der innerhalb einer Gruppe von Individuen besteht, natürlich noch grösser sein, indem es dem Bewegungsgefühle jedes Einzelnen doch niemals gelingen wird dem Lautbilde, das ihm vorschwebt, voll-

56 Kap. III. Der Lautwandel.

ständig Geniige zu leisten. Und dazu kommt noch, dass auch dies Lautbild wegen der bestehenden Differenzen in den Lautempfindungen sich bei jedem Einzelnen etwas anders gestalten muss und gleichfalls beständigen Schwankungen unterworfen ist. Aber über ziemlich enge Grenzen hinaus können auch diese Schwankungen innerhalb einer durch intensiven Verkehr verknüpften Gruppe nicht gehen. Sie werden auch hier unmerklich oder, wenn auch bei genauerer Beobachtung bemerk- bar, so doch kaum definierbar oder gar, selbst mit den Mitteln des vollkommensten Alphabetes, bezeichenbar sei. Wir können das nicht nur a priori vermuten, sondern an den lebenden Mundarten thatsächlich beobachten, natürlich nicht an solchen, die einen abgestuften Einfluss der Schriftsprache zeigen. Finden sich auch hie und da bei einem Einzelnen, z. B. in Folge eines organischen Fehlers stärkere Abweichungen, so macht das für das Ganze wenig aus.

§ 41. So lange also der Einzelne mit seiner Tendenz zur Ab- weichung für sich allein den Verkehrsgenossen gegenüber steht, kann er dieser Tendenz nur in verschwindend geringem Masse nachgeben, da ihre Wirkungen immer wieder durch regulierende Gegenwirkungen paralysiert werden. Eine bedeutendere Verschiebung kann nur ein- treten, wenn sie bei sämtlichen Individuen einer Gruppe durchdringt, die wenigstens im Verhältnis zu der Intensität des Verkehrs im Innern, nach aussen hin einen gewissen Grad von Abgeschlossenheit hat. Die Möglichkeit eines solchen Vorganges liegt in denjenigen Fällen klar auf der Hand, wo die Abweichung allen oder so gut wie allen Sprech- organen bequemer liegt als die genaue Innehaltung der Richtung des Bewegungsgefühls. Sehr kommt dabei mit in Betracht, dass die schon vorhandene Uebereinstimmung in Accent, Tempo etc. in die gleichen Bahnen treibt. Das selbe gilt von der Uebereinstimmung in der In- differenzlage. Aber das reicht zur Erklärung nicht aus. Wir sehen ja, dass von dem selben Ausgangspunkte aus sehr verschiedenartige Ent- wickelungen eintreten, und zwar ohne immer durch Accentveräuderuugen oder sonst irgend etwas bedingt zu sein, was seinerseits psychologische Veranlassung hat. Und wir müssen immer wieder fragen : wie kommt es, dass gerade die Individuen dieser Gruppe die und die Veränderung gemeinsam durchmachen. Man hat zur Erklärung die Uebereinstimmung in Klima, Bodenbeschaffenheit und Lebensweise herbeigezogen. Es ist aber davon zu sagen, dass bisher auch nicht einmal der Anfang zu einer methodischen Materialiensammlung gemacht ist, aus der sich die Abhängigkeit der Sprachentwickelung von derartigen Einflüssen wahr- scheinlich machen Hesse. Was im Einzelnen in dieser Hinsicht be- hauptet ist, lässt sich meist sehr leicht ad absurdum führen. Kaum zu bezweifeln ist es, dass Eigentümlichkeiten der Sprechorgane sich

Verhältnis des Einzelnen zu seinen Verkehrsgenossen. o7

vererben, und nähere oder weitere VerwandtHcliaft i^t daher gewiss mit zu den Umständen zu rechnen, die eine grössere oder geringere Uebereinstimmung im Bau der Organe bedingen. Aber sie ist es nicht allein, wovon der letztere abhängt. Und ebensowenig hängt die Sprach- entwickelung allein vom Bau der Organe ab. Ueberdies aber tritt die dialektische Scheidung und Zusammenschliessung sehr vielfach mit der leiblichen Verwandtschaft in Widerspruch. Man wird sich demnach inmun* vergeblich abmühen, wenn man versucht das Zusammentreffen aller Individuen einer Gruppe lediglich als etwas Spontanes zu erklären, und dabei den andern neben der Spontaneität wirkenden Faktor über- sieht, den Zwang der Verkehrsgemeiuschaft.

§ 42. Gehen wir davon aus, dass jedes Individuum besonders ver- aidagt und in besonderer Weise entwickelt ist, so ist damit zwar die Möglichkeit ausserordentlich vieler Variationen gegeben, nimmt man aber jedes einzelne Moment, was dabei in Betracht kommt, isoliert, so ist die Zahl der möglichen Variationen doch nur eine geringe. Betrachten wir die Veränderungen jedes einzelnen Lautes für sich, und unterscheiden wir an diesem wieder Verschiebung der Artikulationsstelle, Uebergang von Verschluss zu Engenbildung und umgekehrt, Verstärkung oder Schwächung des Exspirationsdruckes u. s. f , so werden wir häufig in der Uage sein nur zwei Möglichkeiten der Abweichungen zu erhalten. So kann z. B. das a sich zwar nach und nach in alle möglichen Vokale wandeln, aber die Richtung in der es sich bewegt, kann zunächst doch nur entweder die auf i oder die auf u sein. Nun kann es zwar leicht geschehen, dass sich die zwei oder drei möglichen Richtungen in einem grossen Sprachgebiete, alles zusammengefasst, ungefähr die Wage halten. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass das an allen verschiedenen Punkten zu jeder Zeit der Fall sein sollte. Der Fall, dass in einem durch besonders intensiven Verkehr zusammengehaltenen Gebiete die eine Tendenz das Uebergewicht erlangt, kann sehr leicht eintreten lediglich durch das Spiel des Zufalls, d. h. auch wenn die Uebereinstimmung der Mehrheit nicht durch einen nähern innern Zusammenhang gegenüber den ausserhalb der Gruppe stehenden Individuen bedingt ist, und wenn die Ursachen, die nach dieser bestimmten Richtung treiben, bei den einzelnen vielleicht ganz verschiedene sind. Das Uebergewicht einer Tendenz in einem solchen beschränkten Kreise genügt um die entgegen- stehenden Hemmungen zu überwinden. Es wird die Veranlassung, dass sich der Verschiebung des Bewegungsgefühles, wozu die Majorität neigt, eine Verschiebung des Lautbildes nach der entsprechenden Richtung zur Seite stellt. Der Einzelne ist ja in Bezug auf Gestaltung seiner Lautvorstellungen nicht von allen Mitgliedern der ganzen Sprachgenossen- schaft abhängig j sondern immer nur von denen, mit welchen er in

58 Kap. III. Der Lautwandel.

sprachlichen Verkehr tritt, iiiul wiederum von diesen nicht in gleicher Weise, sondern in sehr verschiedenem Masse je nach der Häufigkeit des Verkehres und nach dem Grade, in welchem sich ein jeder dabei bethätigt. Es kommt nicht darauf an, von wie vielen Menschen er diese oder jene Eigentümlichkeit der Aussprache hört, sondern lediglich darauf, wie oft er sie hört. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass dasjenige, was von der gewöhnlich vernommenen Art abweicht, Avieder unter sich verschieden sein kann, und dass dadurch die von ihm ausgeübten Wirkungen sich gegenseitig stören. Ist nun aber durch Beseitigung der vermittelst des Verkehres geübten Hemmung eine definitive Verschiebung des Bewegungsgefühles eingetreten, so ist bei Fortwirken der Tendenz eine w^eitere kleine xibweichung nach der gleichen Seite ermöglicht. Mittlerweile wird aber auch die Minorität von der Bewegung mit fort- gerissen. Genau dieselben Gründe, welche der Minderheit nicht gestatten in fortschrittlicher Bewegung sich zu weit vom allgemeinen Usus zu entfernen, gestatten ihr auch nicht hinter dem Fortschritt der Mehrheit erheblich zurückzubleiben. Denn die überwiegende Häufigkeit einer Aussprache ist der einzige Massstab für ihre Korrektheit und Muster- gültigkeit. Die Bewegung geht also in der Weise vor sich, dass immer ein Teil etwas vor dem Durchschnitt voraus, ein anderer etwas hinter demselben zurück ist, alles aber in so geringem Abstände von einander, dass niemals zwischen Individuen, die in gleich engem Verkehr unter einander stehn, ein klaffender Gegensatz hervortritt.

§ 43. Innerhalb der nämlichen Generation werden auf diese Weise immer nur sehr geringfügige Verschiebungen zu stände kommen. Merk- lichere Verschiebungen erfolgen erst, wenn eine ältere Generation durch eine neu heranwachsende verdrängt ist. Zunächst, wenn eine Verschiebung schon bei der Majorität durchgedrungen ist, während ihr eine Minorität noch widersteht, so wird sich das heranwachsende Geschlecht naturgemäss nach der Majorität richten, zumal wenn die Aussprache derselben die bequemere ist. Mag nun die Minorität auch bei der älteren Gewohnheit verharren, sie stirbt allmählich aus. Weiterhin aber kann es sein, dass sich das Bewegungsgefühl der Jüngern Generation von Anfang an nach einer bestimmten Richtung hin abweichend von dem der älteren gestaltet. Die selben Gründe, welche bei der älteren Generation zu einer bestimmten Art der Abweichung von dem schon ausgebildeten Beweguugsgefühl treiben, müssen bei der jüngeren auf die anfängliche Gestaltung des- selben wirken. Man wird also wohl sagen können, dass die Haupt- veranlassung zum Lautwandel in der Uebertragung der Laute auf neue Individuen liegt. Für diesen Vorgang ist also der Aus- druck Wandel, wenn man sich an das wirklich Thatsächliche hält, gar nicht zutreffend, es ist vielmehr eine abweichende Neuerzeugung.

Wirk. d. Verkehrs. Lautveräüderiingen uliuc Verscliiebiing d. Bewegnngsgef. 59

§ 41. Hei dvY Erlorniiug der SprMclu^ werdeu nur die Laute über- liefert, nicht die Rewegung-sgefüble. Die Uebereiustimmung' der selbst- erzeugten mit den von anderen gehörten Lauten giebt dem Einzelnen die Gewähr dafür, dass er richtig spricht. Dass dann auch das Be- wegungsgefühl sich in annähernd gleicher Weise gebildet hat, kann nur unter der Vorraussetzung angenommen werden, dass annähernd gleiche Laute nur durch annähernd gleiche Bewegungen der Sprechorgane erzeugt werden können. Ist es möglich, durch verschiedene Bewegungen einen annähernd gleichen Laut zu erzeugen, so muss es auch möglich sein, dass sich das Bewegungsgefühl desjenigen, der die Sprache erlernt, anders gestaltet als dasjenige der Personen, von denen er sie lernt. Für einige wenige Fälle wird wohl eine solche abweichende Gestaltung des Bewegungsgefühles als möglich zugegeben werden müssen. So sind z. B. die dorsalen t- und 6'-Laute im Klange nicht sehr von den alveolaren verschieden, trotzdem die Artikulation wesentlich verschieden ist. Linguales und uvulares r sind zwar noch ziemlich leicht zu unter- scheiden, und es pflegt auch, so viel mir bekannt ist, in den verschiedenen Mundarten entweder das eine oder das andere durchzugehen; aber der Uebergang des einen in das andere ist doch wohl kaum anders zu erklären, als dass abweichende Hervorbringungen nicht korrigiert wu'-den, weil die Abweichungen des Klanges nicht genug auffielen.

§ 45. Es giebt nun noch andere lautliche Veränderungen, die nicht aut einer Verschiebung oder abweichenden Gestaltung des Bewegungs- gefühls beruhen, die man also von dem bisher geschilderten Lautwandel im engeren Sinne zu scheiden hat, die aber das mit ihm gemein haben, dass sie ohne Rücksicht auf die Funktion des Wortes vor sich gehen. Es handelt sich hierbei nicht um eine Veränderung der Elemente, aus denen sich die Rede zusammensetzt, durch Unterschiebung, sondern nur um eine Vertauschung dieser Elemente in bestimmten einzelnen Fällen.')

Es gehört hierher zunächst die Erscheinung der Metathesis. Es sind zwei Hauptarten zu unterscheiden. Erstens: zwei unmittelbar auf einander folgende Laute werden umgestellt, vgl. angelsächsisch fix neben fisc, dcslan {clhsiau) neben äscian = ahd. eiscön, fierst == frist, inian = rinnan; nhd. bersten = mhd. hresten, Born neben Brunnen, Bernstein, zu brennen, Kersten, Karsten aus Christian ; die betreffenden Formen sind ursprünglich nd. Zweitens : zw^ei nicht aufeinander folgende Laute vertauschen ihre Stellen, vgl. ahd. erüa neben elira = nhd. erle

') Vgl. BrugmaDn, Zum heutigen Stand der Sprachwissenschaft S. 50. Delbrück, Die neueste Sprachforschung S. 18. Bechtel, Ueber gegenseitige Assimilation und Dissimilation der beiden Zitterlaute, Göttingen 1876. Grammont, La dissimulation consonantique dans les langues indo-europeennes et dans les langues romanes, Dijon J&95. Meringer und Mayer, Versprechen und Verlesen, Stuttgart 1895.

60 Kap. III. Der Lautwandel.

eller, ags. iveleras Lippen gegen got tvairilos, mhA. pherift , x)herft aus pherfrit (Pferd), ahd. ezzih, welches vor der Lautverschiebung "^etih gelautet haben muss, = \?(t acetum: it. dialektisch grolioso = glorioso, cromparc = comprare'^ ndat. cocoärillus (aus crocodilus) ^ woraus it. coccodrülo, mhd. l-olcod rille.

Ferner gehören hierher Assimilationen zwischen zwei nicht- benachbarten Lauten wie lat. quinque aus "^plnque, urgermanisch "^finfi (fünf) = *f\nlnv'i, sanskr. svasuras statt ^srasuras (= lat. socer) u. dergl.

Häufiger sind Dissimilationen zwischen zwei nicht aneinander angrenzenden ähnlichen Lauten, vgl. ahd. turtütuha aus lat. turtur, murmulön aus lat. murmurarc, marmul aus lat. marmor, mhd. mariel neben marter aus martijriiun, priol neben prior, nhd. Mörtel = mhd. mörtel neben mörter aus lat. mortarium, mhd. u. anhd. Icörpel neben liörper, anhd. erM neben Erler, vulgär halbieren == barbieren, mlat. almaria (woraus mhd. almer) aus armarinm, mlat. pelegrinus neben peregrinus, ahd. fluobra (Trost) gegen asächs. fröfra und ags. fröfor: mhd. pheller neben pfhellel aus lat. palliohim, lat. caerideus zu caelum, griech. xe(fa)MQyrjq aus xtrfcOMlyriq] Knäuel aus älterem Kläuel (mhd. Idiinvel), Knoblauch aus älterem Kloblauch (zu Kloben), Knüppel aus Klüppel (= Klöppel), anhd. Xollhard, Nollbruder neben Lollhard, Loll- bruder; anhd. Marbel aus marmel (Marmor), murbeln aus murmeln; Kartoffel aus Tartuffel.

Als Dissimilation kann auch der Ausfall eines Lautes betrachtet werden, wenn er dadurch veranlasst ist, dass der gleiche Laut in der Nähe steht, vgl. Köder aus Körder (ahd. qucrdar), fodcrn neben fordern, mhd. und anhd. mader = Marder, mhd. plierit (Pferd) aus älterem pJierfrit, lat. fragare neben fragrare, griech, (fcagia neben (^QaxQia, ÖQVffaxToq (hölzerner Verschlag) zu (pQaooco, exjtayXo;; zu jiX7]OOco, jTVTiL^oj zu jTTtra. Ebcuso der Ausfall einer ganzen Silbe neben einer ähnlichen, mit dem gleichen Konsonanten anlautenden, vgl. lat. semestris statt "^semimcstris, nutrix statt '^nutritrix, griech. fjiieöiiivor neben 7)//<- fitöifiiwr, aiKpoQtvc, neben dftg^^icfOQtvg, xeXaLreq^tjg statt "^xeXcuvovtff/ic.

Alle diese Vorgänge fliessen jedenfalls aus der nämlichen Ursache, die so häufig Veranlassung zum Versprechen wird.^) Dass sich beim Sprechen häufig die Reihenfolge der Wörter. Silben oder Einzellaute verschiebt, indem ein Element sich zu früh ins Bewusstsein drängt, ist eine bekannte Thatsache. Es ist ferner bekannt, dass es besondere Schwierigkeiten macht ähnliche und doch verschiedene Laute rasch hintereinander korrekt auszusprechen. Hierauf beruht ja der Scherz mit Sprechkunststücken wie der Kidscher putzt den Fostlutschl'asten

1) Von dem reichen Materiale. das in dem angeführten Werke von Meringer nnd Mayer gesammelt ist, kommt wenigstens ein grosser Teil für unsere Frage in Betracht.

Lautveränderiingen ohne Verschiebung des Beweguugsgefiihls. T.autgesetze. Ol

n. dglJ) Desgleichen ist es schwierig, dasselbe P^lement mehrmals kurz hintereinander in verschiedenen Kombinationen auszusprechen, vgl. das Sprechkunststtick Fischers Fritz isst frische Fische; frische Fische isst Fischers Fritz. Dass es für gewisse Versprechungen begünstigende Bedingungen giebt, dass sie daher bei verschiedenen Personen und wiederholt auftreten, wird also nicht zu leugnen sein. Zur normalen Form können dann die Versprechungen durch die Ueberlieferung auf die jüngere Generation werden. Dass diese auch von sich aus bei der Nachbildung des richtig Vorgesprochenen Umbildungen in entsprechender Richtung vornimmt, dürfte sich durch Beobachtungen an der Kinder- sprache bestätigen. Als Beispiele von Assimilation im Kindermunde kann ich anführen Flampe für Lampe ^ Flappen für Lappen. Am leichtesten begreifen sich die besprochenen Vorgänge, wenn sie Fremd- wörter betreffen, die dem eigenen Idiom nicht geläufige Lautfolgen enthalten. Bei diesen kommt ungenaue Perzeption und mangelhafte Einprägung hinzu. Die Erscheinungen sind daher auch nicht immer leicht von denjenigen zu trennen, die wir in Kap. 22 als Lautsubstitution kennen lernen werden. Ebenso bedarf es in manchen Fällen der Er- wägung, ob nicht Volksetymologie im Spiele ist.

§ 46. Es bleibt uns jetzt noch die wichtige Frage zu beantworten, um die neuerdings so viel gestritten ist: wie steht es um die Konse- quenz der Lautgesetze?^) Zunächst müssen wir uns klar machen, was wir denn überhaupt unter einem Lautgesetze verstehen. Das Wort 'Gesetz' wird in sehr verschiedenem Sinne angewendet, wodurch leicht Verwirrung entsteht. In dem Sinne, wie wir in der Physik oder Chemie von Gesetzen reden, in dem Sinne, den ich im Auge gehabt habe, als ich die Gesetzeswissenschaften den Geschichtswissenschaften gegenüber stellte, ist der Begriff 'Lautgesetz' nicht zu verstehen. Das Lautgesetz sagt nicht aus, was unter gewissen allgemeinen Bedingungen immer wieder eintreten muss, sondern es konstatiert nur die Gleichmässigkeit innerhalb einer Gruppe bestimmter historischer Erscheinungen.

Bei der Aufstellung von Lautgesetzen ist man immer von einer Vergleichung ausgegangen. Man hat die Verhältnisse eines Dialektes mit denen eines andern, einer älteren Entwickelungsstufe mit denen einer jüngeren verglichen. Man hat auch aus der Vergleichung der verschiedenen Verhältnisse innerhalb des selben Dialektes und der selben

0 Weitere Beispiele bei Meriuger und Mayer S. 87.

'^) Vgl. L. Tobler, Ueber die Anwendung des Begriffs von Gesetzen auf die Sprache (Vierteljahrschrift f. wissenschaftl. Philosophie III, S. 32 ff.). Wundt, Ueber den Begriff des Gesetzes, mit Kücksicht auf die Frage der Ausnahmslösigkeit der Lautgesetze (Philosophische Studien III). Schuchardt, Ueber die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker, Berlin ISbG. Jespersen, Zur Lautgesetzfrage (Techmerlll, 188).

62 Kap. III. Der Lantvs-andel.

Zeit Lautgesetze abstrahiert. Von der letzteren Art sind die Regeln, die man auch in die praktische Grammatik aufzunehmen pflegt. So ein Satz, den ich wörtlich Krügers griechischer Grammatik entlehne : ein t- Laut vor einem andern geht regelmässig in o über; Beispiele. 'rvoO^?jvcu von arvTOD, tQsioüfjrat von squöco, jceiod^fjvcu von jreiO-oj. Ich habe schon § 39 hervorgehoben, dass man sieh durch derartige Regeln nicht zu der Anschauung verführen lassen darf, dass die betreffenden Laut- übergänge sich immer von neuem vollziehen, indem man die eine Form aus der andern bildet. Die betreffenden Formen, die in einem der- artigen Verhältnis zu einander stehen, sind entweder beide gedächtnis- mässig aufgenommen, oder die eine ist aus der andern nach Analogie gebildet, worüber in Kap. 5. Ich bezeichne dies Verhältnis im Folgenden auch nicht als Lautwandel, sondern als Laut Wechsel. Der Laut- wechsel ist nicht mit dem Lautwandel identisch, sondern er ist nur eine Kachwirkung desselben. Demgemäss dürfen wir auch den Aus- druck Lautgesetz nie auf den Lautwechsel beziehen, sondern nur auf den Lautwandel. Ein Lautgesetz kann sich zwar durch die hinter- lassenen Wirkungen in den neben einander bestehenden Verhältnissen einer Sprache reflektieren, aber als Lautgesetz bezieht es sich niemals auf diese, sondern immer nur auf eine in einer ganz bestimmten Periode vollzogene historische Entwickelung.

Wenn wir daher von konsequenter Wirkung der Lautgesetze reden. so kann das nur heissen, das bei dem Lautwandel innerhalb des selben Dialektes alle einzelnen Fälle, in denen die gleichen lautlichen Be- dingungen vorliegen, gleichmässig behandelt werden. Entweder muss also, wo früher einmal der gleiche Laut bestand, auch auf den späteren Entwickelungsstufen immer der gleiche Laut bleiben, oder, wo eine Spaltung in verschiedene Laute eingetreten ist, da muss eine bestimmte Ursache und zwar eine Ursache rein lautlicher Natur wie Einwirkung umgebender Laute, Accent, Silbenstellung u. dgl anzugeben sein, warum in dem einen Falle dieser, in dem andern jener Laut entstanden ist. Man muss dabei natürlich sämtliche Momente der Lauterzeugung in Betracht ziehen. Namentlich muss man auch das Wort nicht isoliert, sondern nach seiner Stellung innerhalb des Satzgefüges betrachten. Erst dann ist es möglich die Konsequenz in den Lautveränderungen zuerkennen.

§ 47. Es ist nach den vorangegangenen Erörterungen nicht schwer, die Notwendigkeit dieser Konsequenz darzuthun, soweit es sich um den eigentlichen Lautwandel handelt, der auf einer allmählichen Verschiebung des Bewegungsgefühles beruht; genauer genommen, müssten wir aller- dings sagen die Einschränkung der Abweichungen von solcher Kon- sequenz auf so enge Grenzen, dass unser Unterscheidungsvermögen nicht mehr ausreicht.

i

Konsequenz der Lautgesetze. 63

Dass zunächst an dem einzelnen Individuum die Entwiekelung sieh konsequent vollzieht, muss für jeden selbstverständlich sein, der überhaupt das Walten allgemeiner Gesetze in allem Geschehen an- erkennt. Das Bewegungsgefühl bildet sich ja nicht für jedes einzelne Wort besonders, sondern überall, wo in der Rede die gleichen Elemente wiederkehren, wird ihre Erzeugung auch durch das gleiche Bewegungs- gefühl geregelt. Verschiebt sich daher das Bew^egungsgefühl durch das Aussprechen eines Elementes in irgend einem Worte, so ist diese Verschiebung auch massgebend für das nämliche Element in einem anderen Worte. Die Aussprache dieses Elementes in den verschiedenen Wörtern schwankt daher gerade nur so wie die in dem nämlichen Worte innerhalb der selben engen Grenzen. Schwankungen der Aus- sprache, die durch schnelleres oder langsameres, lauteres oder leiseres, sorgfältigeres oder nachlässigeres Sprechen veranlasst sind, werden immer das selbe Element in gleicher Weise treffen, in was für einem Worte es auch vorkommen mag, und sie müssen sich immer in ent- sprechenden Abständen vom Normalen bewegen.

Soweit es sich um die Entwickelung an dem einzelnen Individuum handelt, ist es hauptsächlich ein Einwand, der immer gegen die Kon- sequenz der Lautgesetze vorgebracht wird. Man behauptet, dass das etymologische Bewusstsein, die Rücksicht auf die verwandten Formen die Wirkung eines Lautgesetzes verhindere. Wer das behauptet, muss sich zunächst klar machen, dass damit die Wirksamkeit desjenigen Faktors, der zum Lautwandel treibt, nicht verneint werden kann, nur dass ein Faktor ganz anderer Natur gesetzt wird, der diesem entgegen- wirkt. Es ist durchaus nicht gleichgültig, ob man annimmt, dass ein Faktor bald wirkt, bald nicht wirkt, oder ob man annimmt, dass er unter allen Umständen wirksam ist und seine Wirkung nur durch einen andern Faktor paralysiert wird. Wie lässt sich nun aber das chrono- logische Verhältnis in der Wirkung dieser Faktoren denken? Wirken sie beide gleichzeitig, so dass es zu gar keiner Veränderung kommt, oder wirkt der eine nach dem andern, so dass die Wirkung des letzteren immer wieder aufgehoben wird? Das erstere wäre nur unter der Voraussetzung denkbar, dass der Sprechende etwas von der drohen- den Veränderung wüsste und sich im voraus davor zu hüten suchte. Dass davon keine Rede sein kann, glaube ich zur Genüge auseinander- gesetzt zu haben. Gesteht man aber zu, dass die Wirkung des laut- lichen Faktors zuerst sich geltend macht, dann aber durch den andern Faktor wieder aufgehoben wird, den wir als Analogie im Folgenden noch näher zu charakterisieren haben werden, so ist damit eben die Konsequenz der Lautgesetze zugegeben. Man kann vernünftigerweise höchstens noch darüber streiten, ob es die Regel ist, dass sich die

64 Kap. IIT. Der Lautwandel.

Analogie schon nach dem Eintritt einer ganz geringen Differenz zwischen den etymologisch zasammenhängenden Formen geltend macht, oder ob sie sich erst wirksam zu zeigen pflegt, wenn der Riss schon klaffend geworden ist. Im Prinzip ist das kein Unterschied. Dass jedenfalls das letztere sehr häufig ist, lässt sich aus der Erfahrung erweisen, wo- rüber weiter unten. Es liegt aber auch in der Natur der Sache, dass Differenzen, die noch nicht als solche empfunden werden, auch das Gefühl für die Etymologie nicht beeinträchtigen und von diesem nicht beeinträchtigt werden.

Ebenso zurückzuweisen ist die Annahme, dass Rücksichten auf die Klarheit und Verständlichkeit einer Form einen Lautübergang ver- hinderten. Man stösst zuweilen auf Verhältnisse, die eine solche Rück- sicht zu beweisen scheinen. So ist z. B. im Nhd. das mittlere e der schwachen Praeterita und Partizipia nach t und d erhalten {redete, rettete), während es sonst ausgestossen ist. Geht man aber in das sechzehnte Jahrhundert zurück, so findet man, dass bei allen Verben Doppelformigkeit besteht, einerseits zeigete neben zeigte anderseits redte neben redete. Der Lautwandel ist also ohne Rücksicht auf Zweck- mässigkeit eingetreten, und nur für die Erhaltung der Formen ist ihre grössere Zweckmässigkeit massgebend gewesen.

§ 48. Somit kann also nur noch die Frage sein, ob der Verkehr der verschiedenen Lidividuen unter einander die Veranlassung zu Inkon- sequenzen geben kann. Denkbar wäre das nur so, dass der Einzelne gleichzeitig unter dem Einflüsse von mehreren Gruppen von Personen stünde, die sich durch verschiedene Lautentwickelung deutlich von ein- ander gesondert hätten, und dass er nun einige Wörter von dieser, andere von jener Gruppe erlernte. Das setzt aber ein durchaus excep- tionelles Verhältnis voraus. Normaler Weise giebt es innerhalb der- jenigen Verkehrsgenossenschaft, innerhalb deren der Einzelne aufwächst, mit der er in sehr viel innigerem Verbände steht als mit der weiteren Umgebung, keine derartige Differenzen. Wo nicht in Folge besonderer geschichtlicher Veranlassungen grössere Gruppen von ihrem ursprüng- lichen Wohnsitze losgelöst und mit andern zusammengewürfelt werden, wo die Bevölkerung höchstens durch geringe Ab- und Zuzüge modi- fiziert, aber der Hauptmasse nach konstant bleibt, da können sich ja keine Differenzen entwickeln, die als solche perzipiert werden. Spricht A auch einen etwas anderen Laut als B an der entsprechenden Stelle, so verschmilzt doch die Perzeption des einen Lautes ebensowohl wue die des anderen mit dem Lautbilde, welches der Hörende schon in seiner Seele trägt, und es kann denselben daher auch nur das gleiche Bewegungsgefühl korrespondieren. Es ist gar nicht möglich, dass sich für zwei so geringe Differenzen zwei verschiedene Bewegungsgefühle

Konsequenz der Lautgeset7;e. 65

bei dem g-leiehen Individuum herausbilden. ¥jH würde in der Regel selbst dann nicht möglich sein, wenn die äussersten Extreme, die inner- halb eines kleinen Verkehrsgebietes vorkommen, das einzig Existierende wären. Würde aber auch der Hörende im stände sein den Unterschied zwischen diesen beiden zu erftxssen, so würde doch die Reihe von feinen Vermittelungsstufen, die er immerfort daneben hört, es ihm unmög- lich machen eine Grenzlinie aufrecht zu erhalten. Mag er also auch immerhin das eine Wort häufiger und früher von Leuten hören, die nach diesem Extreme zu neigen, das andere häufiger und früher von solchen, die nach jenem Extreme zu neigen, so kann das niemals für ihn die Veranlassung werden, dass sich ihm beim Nachsprechen die Erzeugung eines Lautes in dem einen Worte nach einem andern Bewegungsgefühl regelt, als die Erzeugung eines Lautes in dem andern Worte, wenn das gleiche Individuum an beiden Stellen einen identischen Laut setzen würde.

Innerhalb des gleichen Dialekts entwickelt sich also niemals eine Inkonsequenz, sondern nur in Folge einer Dialektmischung oder wie wir genauer zu sagen haben werden, in Folge der Entlehnung eines AYortes aus einem fremden Dialekte. In welcher Ausdehnung und unter welchen Bedingungen eine solche eintritt, werden ^vir später zu unter- suchen haben. Bei der Aufstellung der Lautgesetze haben wir natürlich mit dergleichen scheinbaren Inkonsequenzen nicht zu rechnen.

Kaum der Erwähnung wert sind die Versuche, die man gemacht hat, den Lautwandel aus willkürlichen Launen oder aus einem Verhören zu erklären. Ein vereinzeltes Verhören kann unmöglich bleibende Folgen für die Sprachgeschichte haben. Wenn ich ein Wort von jemand, der den gleichen Dialekt spricht wie ich, oder einen andern, der mir vollständig geläufig ist, nicht deutlich perzipiere, aber aus dem sonstigen Zusammenhange errate, was er sagen will, so ergänze ich mir das be- treffende Wort nach dem Erinnerungsbilde, das ich davon in meiner Seele habe. Ist der Zusammenhang nicht ausreichend aufklärend, so werde ich vielleicht ein falsches ergänzen, oder ich werde nichts er- gänzen und mich beim Nichtverstehen begnügen oder noch einmal fragen. Aber wie ich dazu kommen sollte zu meinen ein Wort von abweichendem Klange gehört zu haben und mir doch dieses Wort an Stelle des wohlbekannten unterschieben zu lassen, ist mir gänzlich un- erfindlich. Einem Kinde allerdings, welches ein Wort noch niemals gehört hat, wird es leichter begegnen, dass es dasselbe mangelhaft auffasst und dann auch mangelhaft wiedergiebt. Es wird aber auch das richtiger aufgefasste vielfach mangelhaft wiedergeben, weil das Be- wegungsgefühl noch nicht gehörig ausgebildet ist. Seine Auffassung wie seine Wiedergabe wird sich rektifizieren, wenn es das Wort immer

Paul, Prinzipien. III. Auflage. 5

QQ Kap. IIT. Der Lautwandel.

wieder von neuem hört, wo nicht, so wird es dasselbe vergessen. Das Verhören hat sonst mit einer gewissen Regelmässigkeit nur da statt, wo sieh Leute mit einander unterhalten, die verschiedenen Dialekt- gebieten oder verschiedenen Sprachen angehören, und die Gestalt, in welcher Fremdwörter aufgenommen werden, ist allerdings vielfach da- durch beeinflusst, mehr aber gewiss durch den Mangel eines Bewegungs- gefühls für die dem eigenen Dialekte fehlenden Laute.

§ 49. Es bleiben nun allerdings einige Arten von lautlichen Ver- änderungen übrig, für die sich konsequente Durchführung theoretisch nicht als notwendig erweisen lässt. Diese bilden aber einen verhältnis- mässig geringen Teil der gesamten Lautveränderungen, und sie lassen sich genau abgrenzen. Einerseits also gehören hierher die Fälle, in denen ein Laut vermittelst einer abweichenden Artikulation nachgeahmt wird, anderseits die § 45 besprochenen Metathesen, Assimilationen und Dissimilationen. Tebrigens hat thatsächlich auch hier zum Teil voll- ständige Konsequenz statt, so namentlich bei der Metathesis unmittelbar auf einander folgender Laute, ferner z. ß. bei der Dissimilation der Aspiraten im Clriechischen (xeyvxa, jTic/tvya) und sonst.

§ 50. Aus dem vorliegenden Sprachmaterial lässt sich die Frage, wieweit die Lautgesetze als ausnahmslos zu betrachten sind, nicht un- mittelbar entscheiden, weil es Sprachveränderungen giebt, die, wiewohl ihrer Natur nach vom Lautwandel gänzlich verschieden, doch ent- sprechende Resultate hervorbringen wie dieser. Daher ist unsere Frage aufs engste verknüpft mit der zweiten Frage : wieweit geht die Wirk- samkeit dieser andern Veränderungen und wie sind sie vom Lautwandel zu sondern? Darüber weiter unten.

Kap. IV.

Wandel der Wortbedeutung J)

§ 51. Während der Lautwandel durch eine wiederholte Unter- schiebung von etwas unmerklich Verschiedenem zu stände kommt, wobei also das Alte untergeht zugleich mit der Entstehung des Neuen, ist beim Bedeutungswandel die Erhaltung des Alten durch die Entstehung des Neuen nicht ausgeschlossen. In der Regel tritt zunächst das letztere

^) Zu diesem Kap. vgl. Reisig, Vorlesungen über lateinische Sprachwissenschaft, (1839, wieder abgedruckt bei Heerdegen, Semasiologie). F. Haase, Vorlesungen zur lateinischen Sprachwissenschaft (IS74). Pott, Etymologische Forschungen, Bd. 5. L. Tobler, Versuch eines Systems der Etymologie (Zschr. f. Völkerps. I, 340). Heer- degen, Untersuchungen zur lateinischen Semasiologie, Erlangen 1875. 78. 81. Ders., Lateinische Semasiologie, Berlin 1890. Wölfflin, lieber Bedeutungswandel (Verh. der Züricher Philologenversammlung 1887 S.61 70). O.Hey, Semasiologische Studien (Jahrb. f klass. Phil., Supplementbd. XVin, S. 83—212). M. Hecht, Die griechische Bedeutungslehre, eine Aufgabe der klassischen Philologie, Lpz. 1888. F. Schröder, Zur griechischen Bedeutungslehre, Progr. d. Gymn. Gebweiler 1893. Littre, Comment les mots changent de sens (Memoires et documents publies par le musee pedagogique, fasc. 45). Ders., Pathologie verbale (in Etudes et glanures 1880). A. Darmesteter, La vie des mots etudiee daus leurs significations, 4 ed. Paris 1893 ; dazu Breal, L'histoire des mots (1887, wieder abgedruckt in La Semantique). Lehmann, Ueber den Be- deutungswandel im Französischen, Gott. Diss. 1883. G. Franz, Ueber den Bedeutungs- wandel lateinischer Wörter im Französischen, Prog. d. Gymn. Wettin 1800. Morgen- roth, Zum Bedeutungswandel im Französischen (Zs. f. französische Sprache u. Lit. XV, 1—23). Mühelefeld, Abriss der französischen Rhetorik und Bedeutungslehre, Leipz. 1887. Ders., Die Lehre von der Vorstellungsverwandtschaft und ihre An- wendung auf den Sprachunterricht, Leipz. 1894. Rosenstein, Die psychologischen Bedingungen des Bedeutungswandels der Wörter, Leipz. Diss. 1884. K. Schmidt, Die Gründe des Bedeutungswandels, Progr. des kgl. Realgymn. Berlin 1894. Van Helten, Over de factoren van de begripswijsingen der woorden, Groningen 1894. Engelbert Schneider, Semasiologische Beiträge I, Progr. des Gymn. Mainz 1892. Stöcklein, Untersuchungen zur Bedeutungslehre, Progr. des Gymn. Dillingen 1895. Thomas, Ueber die Möglichkeiten des Bedeutungswandels (Blätter f. d. Gymnasial- Schulwesen, Bd. XXX, 705— 32. XXXII, 1—27). Breal, Essai de Semantique. Biese, Die Philosophie des Metaphorischen, Hamb. u. Leipz. 1893. Vgl. auch meine Ab- handlung „Ueber die Aufgaben der wissenschaftlichen Lexikographie" in den Sit- zungsber. der philos.-philol. Klasse der bayer. Akad. d. Wiss. 1894, S. 90.

68 Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung.

dem ersteren zur Seite, und wenn dann weiterhin, wie es allerdings oft geschieht, dieses vor jenem zurückweicht, so ist das erst ein zweiter, durch den ersten nicht notwendig gegebener Prozess.

Darin aber verhält sich der Bedeutungswandel genau Avie der Lautwandel, dass er zu Stande kommt durch eine Abweichung in der individuellen Anwendung von dem Usuellen, die allmählich usuell wird. Die Möglichkeit, wir müssen auch sagen die Notwendigkeit des Be- deutungswandels hat ihren Grund darin, dass die Bedeutung, welche ein Wort bei der jedesmaligen Anwendung hat, sich mit derjenigen nicht zu decken braucht, die ihm an und für sich dem Usus nach zu- kommt. Da es wünschenswert ist für diese Diskrepanz bestimmte Be- zeichnungen zu haben, so wollen wir uns der Ausdrücke usuelle und occasionelle Bedeutung bedienen. Wir verstehen also unter usueller Bedeutung den gesamten Vorstellungsinhalt, der sich für den Augehörigen einer Sprachgenossenschaft mit einem Worte verbindet, unter occasioneller Bedeutung denjenigen Vorstellungsinhalt, welchen der Redende, indem er das Wort ausspricht, damit verbindet und von welchem er erwartet, dass ihn auch der Hörende damit verbinde.

§ 52. Die occasionelle Bedeutung ist sehr gewöhnlich an Inhalt reicher, an Umfang enger als die usuelle. Zunächst ist hervorzuheben, dass das Wort occasionell etwas Konkretes bezeichnen kann, während es usuell nur etwas Abstraktes bezeichnet, einen allgemeinen Begriff, unter welchen sich verschiedene Konkreta unterbringen lassen. Ich verstehe hier und im Folgenden unter einem Konkretum immer etwas, was als real existierend gesetzt wird, an bestimmte Schranken des Raumes und der Zeit gebunden; unter einem Abstraktum einen allge- meinen Begriff, blossen Vorstellungsinhalt an sich, losgelöst von räum- licher und zeitlicher Begrenzung. Diese Unterscheidung hat demnach gar nichts zu schaffen mit der beliebten Einteilung der Substantiva in Konkreta und Abstrakta. Die Substanzbezeichnungen, denen man den Namen Konkreta ])eilegt. bezeichnen an sich gerade so einen allgemeinen Begriff wie die sogenannten Abstrakta, und umgekehrt können die letzteren bei occasionellem Gel)rauche in dem eben angegebenen Sinne konkret werden, indem sie eine einzelne räumlich und zeitlich bestimmte Eigenschaft oder Thätigkeit ausdrücken.

Bei weitem die meisten Wörter können in occasioneller Ver- Avendung sowohl abstrakte wie konkrete Bedeutung haben. Einige giebt es, die ihrem Wesen nach dazu bestimmt sind etAvas Konkretes zu bezeichnen, denen aber nichtsdestoweniger die Beziehung auf etwas bestimmtes Konkretes au sich noch nicht anhaftet, sondern erst durch die individuelle \'er Wendung gegeben werden niuss. Hierher gehören die Pronomina Personalia, Possessiva, Demonstrativa und die Adverbia

Usuelle und occasiouelle Bedeutung. 69

Demonf^trativa, auch Wörter wie jeM, heute, yestern. Kin ieh, ein dieser^ ein hier dienen zu keinem andern Zwecke als zur Orientierung* in der konkreten Welt,') aber an sich sind sie ohne bestimmten Inhalt, und es müssen erst individualisierende Momente hinzukommen ihnen einen solchen zu geben. Ferner die Eigennamen. Diese bezeichnen zwar ein Einzelwesen, indem aber der gleiche Name verschiedenen Personen oder Oertlichkeiten anhaften kann, bleibt doch noch eine Verschieden- heit zwischen occasioneller und usueller Bedeutung. Endlich kommt eine kleine Zahl von Wörtern in Betracht, bei denen das, was sie aus- drücken, als nur einmal existierend gedacht wird, wie Gott, Teufel, Welt, Erde, Sonne. Diese sind zugleich Gattungs- und Eigennamen, aber nur in gewissem Verstände und von bestimmter, nicht allgemeiner Anschauung aus. Umgekehrt giebt es Wörter, die ihrer Natur nach nur auf das Allgemeine, nicht auf das Konkrete gehen, wie die Ad- verbia und Pronomina je, irgend-^ mhd. ieman, dehein\ lat. quisquam, ullus, imqiiam, uspiam\ aber auch deren Allgemeinheit erleidet in der occasionellen Anwendung gewisse Beschränkungen ; vgl. z. B. ivenn er es je gethan hat tvenn er es je thim wird.

§ 53. Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen usueller und occasioneller Bedeutung ist der folgende. Usuell kann die Bedeutung eines Wortes mehrfach sein, occasionell ist sie immer einfach, ab- gesehen von den Fällen, wo eine Zweideutigkeit beabsichtigt ist, sei es um zu täuschen, sei es des Witzes wegen. Zwar hat Steinthal, Zschr. f. Völkerps. I, 426 die Ansicht verfochten, dass es überhaupt keine Wörter mit mehrfacher Bedeutung gäbe, jedoch, wie ich glaube mit Unrecht. Zunächst gehören hierher alle die Fälle, in denen die lautliche Uebereinstimmung bei Verschiedenheit der Bedeutung nur auf Zufall beruht, wie bei nhd. ÄcJtt = diligentia jjroseriptio oeto. Diese Fälle schliesst natürlich Steinthal aus, indem er voraussetzt, dass man hier nicht das gleiche Wort, sondern mehrere Wörter anerkenne. Aber lautlich besteht doch Identität, und derjenige, w^ elcher einen solchen Lautkomplex ausser Zusammenhang aussprechen hört, hat kein Mittel zu erkennen, welche von den verschiedenen damit verknüpften Bedeutungen der Sprechende im Sinne hat. Wir haben also, wenn wir uns an den wirklichen Thatbestand halten und nichts ungehöriger Weise hinzuthun, ein Wort, dem usuell mehrfache Bedeutung zukommt. Wirkliche Mehrheit der Bedeutungen muss man aber auch in sehr vielen Fällen anerkennen, wo nicht bloss lautliche, sondern auch etymologische

0 Uebrigeus können unsere Demonstrativpronomina (auch das pron. er) auch auf abstrakte Begriffe bezogen werden, vgl. der Walfisch gehört unter die Klasse der Säugetiere; er bringt lebendige Junge zur Welt\ oder es ist ein Unterschied ziclschen einem Staatenbund und einem Bundesstaat ; dieser jener.

70 Kap. lA^. Wandel der Wortbedeutung.

Identität besteht. Man vergleiche z. B. nhd. Fachs vulpes Pferd von fuchsiger Farbe rothaariger Mensch schlauer Mensch Goldstück Student im ersten Semester, hoc hircus Bock der Kutsche Fehler, Futter pabulum Ueberzug oder Unterzug, Mal Fleck Zeichen Zeitpunkt, Messe kirchlicher Akt Jahrmarkt, Ort locus Schuhmacherwerkzeug, Bappe schwarzes Ross Münze, Stein lapis bestimmtes Gewicht Krankheit, Geschick fatum sollertia, geschielt missus sollers, steuern ein Schiff lenken Ab- gaben zahlen Einhalt thun ; mhd. heizen beizen mit dem Falken jagen erheizen vom Pferde steigen, Weide AVeide Jagd Fischerei Mal (anderweide zum zweiten Mal) ; lat. Examen Schwärm Prüfung. Steinthal will immer nur die Grundbedeutung als die einzige anerkennen, während er den geschichtlich daraus abgeleiteten die Selbst- ständigkeit abspricht. Seine Ansicht passt aber nur auf den Zustand, der zu der Zeit besteht, wo die abgeleitete Bedeutung zuerst aus der Grundbedeutung entspringt. Dieser Zustand dauert nicht fort. In den meisten der angeführten Fälle ist es ohne geschichtliche Studien über- haupt nicht möglich, den ursprünglichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Bedeutungen zu erkennen, und dieselben verhalten sich dann gar nicht anders zu einander, als wenn die lautliche Identität nur zu- fällig wäre. Das ist namentlich dann der Fall, wenn die Grundbedeutung untergegangen ist. Aber auch in vielen solchen Fällen, wo die Be- ziehung der abgeleiteten zur Grundbedeutung noch erkennbar ist, werden wir die Selbständigkeit der ersteren anerkennen müssen, nämlich über- all da, wo sie wirklich usuell geworden ist. Dafür giebt es ein sicheres Kriterium, nämlich dass ein ^Yort occasionell gebraucht in dem be- treffenden abgeleiteten Sinne verstanden werden kann ohne Zuhülfe- nahme der Grundbedeutung, d. h. ohne dass dem Sprechenden oder Hörenden dabei die Grundbedeutung zum Bewusstsein kommt. Es lassen sich ferner zwei negative Kriterien aufstellen, woran man er- kennt, dass ein Wort nicht einfache, sondern mehrfache Bedeutung hat, nämlich erstens, dass sich keine einfache Deliuitiou aufstellen lässt. wodurch der ganze Umfang der Bedeutung, nicht mehr und nicht weniger, eingeschlossen ist. und zweitens, dass das Wort occasionell nicht in dem ganzen Umfange der Bedeutung gebraucht werden kann. Mau mache die Probe mit den angeführten Beispielen.

Auch da. wo sich die usuelle Bedeutung als eine einfache be- trachten lässt, kann die individuelle ohne konkret zu werden, davon abweichen, indem sie nur auf eine von den verschiedenen Arten geht, die in dem generellen Begriffe enthalten sind. Das einfache Wort Xadel z. B. kann im einzelnen Falle als Stecknadel, Nähnadel. Stopf- nadel, Stricknadel, Häkelnadel etc. verstanden werden.

Mehrfache Bedeutung. Mittel zur Erzeugung konkreten Sinnes. 71

§ 54. Alles Verständnis zwischen verschiedenen Individuen beruht auf der Uebereinstimmung in deren psychischem Verhalten, i) Zuni Verständnis der usuellen Bedeutung ist nicht mehr Uebereinstimmung erforderlich, als zwischen allen Angehörigen der gleichen Sprachgenossen- schaft besteht, soweit sie bereits der Sprache völlig mächtig sind. Wenn aber im occasionellen Gebraucli die P>edeutung spezialisiert ist und doch verstanden werden soll, so ist das nur auf Grund einer noch engeren Uebereinstimmung zwischen den sich Unterhaltenden möglich. Es können die gleichen Worte entweder vollkommen verständlich sein oder unverständlich, respektive Missverständnissen ausgesetzt je nach der Disposition der angeredeten Personen und der Beschaffenheit der sonstigen Umstände, je nachdem gewisse zum Verständnis mitwirkende Momente vorhanden sind oder nicht. Diese Momente brauchen an sich gar nicht sprachlicher Natur zu sein. Wir müssen uns dieselben im Einzelnen vergegenwärtigen.

§ 55. Um Wörtern, die an sich eine abstrakte Bedeutung haben, Beziehung auf etwas Konkretes zu geben, dient die Verknüpfung mit den § 52 bezeichneten Wortarten, deren Funktion es ist das Konkrete auszudrücken, insbesondere die mit dem Artikel, wo ein solcher ent- wickelt ist. Indessen hat sich gerade der Gebrauch des letzteren meist so entwickelt, dass er nicht auf die Funktion des Individualisierens beschränkt ist, sondern dem Nomen auch da beigesetzt wird, wo es den Gattungsbegriff ausdrückt. Sprachen, die keinen Artikel entwickelt haben, verwenden die abstrakten Wörter auch ohne besonderes sprach- liches Kennzeichen zur Bezeichnung von etwas Konkretem.

Mag nun die Beziehung auf das Konkrete an sich ausgedrückt sein oder nicht, zur näheren Bestimmung desselben müssen andere Mittel hinzukommen. Ein solches bildet erstens die dem Sprechenden und Hörenden gemeinsame Anschauung. Der Letztere erkennt, dass der Erstere mit dem Worte Baum oder Tunu einen bestimmten einzelnen Baum oder Turm meint, wenn sie den betreffenden Gegenstand eben beide vor Augen haben. Die Anschauung kann unterstützt und näher bestimmt werden durch Deuten mit den Augen oder Händen und sonstige Gebärden. Hierdurch kann auch auf solche Gegenstände hingewiesen werden, die man nicht unmittelbar sinnlich wahrnimmt, von denen man aber weiss, nach welcher Richtung hin sie sich befinden.

Ein zweites Mittel, wodurch das Wort Beziehung auf etwas be- stimmtes Konkretes erhält, bildet das im Gespräch, respektive in der einseitigen Auseinandersetzung des Redenden Vorangegangene. Ist

^) Die folgenden Auseinandersetzungen berühren sich sehr nahe mit den Aus- führungen Wegeners in seinem Buche Aus dem Leben der Sprache, nach einer be- stimmten Richtung hin auch mit Breal, Les idees latentes du language, Paris 186S.

72 Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung.

der Siuu eincB AVortes einmal konkret bestimmt, so kann diese Be- stimmung- im Aveiteren Verlaufe der Unterhaltung* andauern; die Er- innerung- an das vorher Ausgesprochene vertritt die Stelle der unmittel- baren Anschauung. Diese Rückbeziehung kann wieder unterstützt werden durch die Demonstrativ-Pronomina und -Adverbia. Mit der Ueber- tragung derselben von der Anschauung, wofür sie ursprünglich allein verwendet worden sind, auf das in der Rede Vorangegangene, ist daher ein treffliches Mittel gewonnen, die von dem Sprechenden beabsichtigte Individualisierung- der Bedeutung- dem Hörenden verständlich zu machen. Drittens kommt in Betracht die besondere Macht, welche die Vorstellung von etwas Konkretem auch ohne die Hülfe der Anschauung oder vorangegangener Erwähnung übereinstimmend in der Seele der sich Unterredenden haben kann. Die Uebereinstimmuug in dieser Hin- sicht wird erzeugt durch Gemeinsamkeit des Aufenthaltsortes, der Lebenszeit, der Stellung und Beschäftigung, überhaupt mannigfacher Erfahrungen. Hierher gehört, was man gewöhnlich den Gebrauch xar t^oxr]v nennt. So wird das Wort Stadt ohne nähere Bestimmung von den Landleuten einer bestimmten Gegend auf die ihnen zunächstliegeude Stadt bezogen, Wörter wie Batliaus, Mavid von den Einwohnern des gleichen Ortes auf Rathaus, Markt eben dieses Ortes, Wörter wie Küche, Sx)eisemmmer von den Hausgenossen auf Küche, Speisezimmer des von ihnen bewohnten Hauses etc. So verstehen wur unter Sonntag den uns zunächst liegenden Sonntag, und es braucht dann nur noch angedeutet zu sein, ob von Zukunft oder Vergangenheit die Rede ist, um zu wissen, welcher Sonntag gemeint ist. Wörter, welche das Verhältnis einer Person zu einer andern bezeichnen, werden ohne weiteres auf Personen bezogen, welche sowohl zum Hörenden wie zum Sprechenden in dem betreffenden Verhältnisse stehn, und zwar ist auch der Singular voll- kommen deutlich, sobald es nur eine Person der Art giebt. So ist für den Verkehr von Geschwistern untereinander die konkrete Beziehung der Wörter Vater und Mutter, für den Verkehr von Angehörigen des gleichen Landes die von Kaiser, König etc. selbstverständlich. Auch wo das Verhältnis nur einseitig entweder zu dem Sprechenden oder zu dem Hörenden besteht, kann doch, durch Nebenumstände unterstüzt, die Beziehung zweifellos w^erden, so dass z. B. der Vater ebenso viel besagt wie mei]i Vater oder dein, euer Vater. Ist ein konkreter Gegen- stand früher einmal gleichzeitig dem Sprechenden und dem Hörenden irgendwie bedeutsam geworden, so kann er durch das auf ihn passende Wort in das Bewusstsein gerufen werden, besonders wenn die Er- innerung daran noch frisch ist, oder wenn man sich wieder in einer ähnlichen Situation befindet wie diejenige, in welcher er früher die Aufmerksamkeit an sich gezogen hat. Es .sind z. B. zwei Freunde

Mittel zur Erzeugung eines koni^reten Sinnes. 73

iiiclirnuils auf einem bestimmten Spa/ierg-ange einer ihnen sonst un- bekannten Dame begegnet, über die sie einige Worte gewechselt haben, und sie machen nun wieder den gleichen Gang : so wird die Frage des einen „wird uns heute wieder die Dame begegnen V" von dem andern richtig bezogen werden.

Viertens kann eine nähere Bestimmung zu Hülfe genommen werden. Eine solche Bestimmung bringt aber in der Regel an sich keinen konkreten Sinn hervor, sondern nur durch Zusammenwirken mit den andern schon besprochenen Faktoren. Es rauss durch diese ent- weder dem AVorte, welchem die Bestimmung beigefügt wird, schon eine Beziehung auf eine Gruppe konkreter Dinge gegeben sein, aus denen durch die Bestimmung eine weitere Aussonderung gemacht wird; oder es muss durch sie dem bestimmenden Worte schon konkrete Beziehung gegeben sein. Beides kann zusammentreffen. So erhält das Wort Graf durch das Epitheton alt an sich keinen konkreten Sinn. Ist aber durch die Situation bereits die Beziehung auf eine bestimmte gräfliche Familie gegeben, so wird damit die Persönlichkeit genau bestimmt. Das Wort SchIo.s.s erhält durch das Epitheton löniglich oder den Gen. (des) Königs nur dann einen konkreten Sinn, wenn dem Worte König schon durch die Situation eine konkrete Beziehung gegeben ist. Eindeutig aber ist die Bezeichnung das ScJüoss des Königs erst dann, wenn entweder vorausgesetzt werden kann, dass überhaupt nur ein Schloss des be- treffenden Königs existiert, oder wenn in der Situation noch sonst etwas Individualisierendes liegt, wenn man z. B. schon auf einen bestimmten Ort hingewiesen ist, in dem man sich das in Frage stehende Schloss liegend denken muss.

Der konkrete Sinn überträgt sich endlich von einem Worte auf andere dazu in Beziehung gesetzte. In Sätzen wie Karl zog den BocJc aus, ich berührte ihn mit der Hand, ich fasste ihn heim Kopfe, du Idopftest mir auf die Schulter enthalten die Wörter Roch und Hand eine konkrete Beziehung durch das Subjekt, das AVort Kopf durch das Objekt, Schulter durch den Dat. mir.

Auf die selbe Weise, Avie Gattungsnamen eine bestimmte konkrete Beziehung erhalten, werden auch Eigennamen, die verschiedenen Indi- viduen zukommen, eindeutig. Der blosse Name Karl genügt, wenn der, den wir meinen, vor uns steht, wenn wir eben von ihm gesprochen haben, auch ohne dass innerhalb einer Familie oder eines engeren Be- kanntenkreises, dem dieser Karl und zwar nur dieser angehört. Sonst bestimmen wir ihn näher, z. B. König Karl VI. von Frankreich. Ebenso genügt ein Ortsname, der in verschiedenen Gegenden vorkommt, ohne weiteres für die nähere Umgebung, auch für weitere Kreise, wenn der gemeinte bei weitem der bedeutendste unter den gleichnamigen Orten

74 Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung.

ist (vgl. Strasshnr(j)\ sonst hilft man sich mit einer näheren Be- stimmung.

§ 56. Die selben Momente, durch welche ein Wort konkrete Be- ziehung erhält, dienen auch zur Spezialisierung der Bedeutung. Ohne Mitwirkung besonderer Umstände wird man, wenn man ein Wort hört, zunächst an die gewöhnlichste unter den verschiedenen Be- deutungen desselben oder an die Grundbedeutung denken. Beides fällt häufig zusammen. W^o aber mehrere ungefähr gleich häufige Bedeutungen neben einander stehen, da wird nach einem allgemeinen psychologischen Gesetze die Grundbedeutung elier in das Bewusstsein treten als eine abgeleitete, ja dies wird selbst oft der Fall sein, wo eine abgeleitete gewöhnlicher ist. Anders aber stellt sich die Sache, sobald in der Seele des Hörenden gewisse Vorstellungsmassen schon vor dem Aus- sprechen des Wortes erregt sind oder gleichzeitig mit demselben erregt werden, die eine nähere Verwandtschaft mit einer abgeleiteten oder selteneren Bedeutung haben. Es macht einen grossen Unterschied, ob ich das Wort Blatt bei einem Spaziergang im Walde höre oder in einer Kunsthandlung, wo ich mir Stiche oder Photographieen besehe, oder in einem Cafehause, wo über Zeitungen gesprochen wird; ebenso ob ich das Wort Band in einem Posamentiergeschäft höre oder in einer Böttcherei oder in einer Bibliothek. Unterhalten sich Tischler, Jäger, Aerzte oder sonst Leute von einerlei Beruf untereinander, so sind sie dazu disponiert alle Wörter von derjenigen Seite her aufzufassen, die ihnen dieser Beruf nahe legt. Von grosser Bedeutung ist die Ver- bindung, in der ein Wort auftritt. Durch sie können die verschiedenen Möglichkeiten der Auffassung eines Wortes auf eine einzige beschränkt werden. Vgl. ein schwarzes Mal ein zweites Mal ein reichliches Mal, ein tvohlgemeinter Bat ein neuernannter Bat; Gericht der Ge- schivornen Gericht Fische, Fiiss des Tisches des Berges etc. ; Zunge der Wage; Sturm auf der Nordsee Sturm auf eine Festung Sturm in meinem Herzen; ein Bali, zu dem hundert Fersonen geladen sind; ein Kränzchen, welches sich tvöchentlich versammelt ; Land und Leute Wasser und Land Stadt und Land, Feder und Tinte, ein Fuchs und ein Schimmel; er reitet einen Fuchs, er schraubt den Hahn auf, er spielt den König aus, es kostet zwei Kronen, drei Adler wurden er- heutet, der Zug setzt sich in Bewegung es lotnnit ein unangenehmer Zug durch das Fenster ; eine helle Stimme heller Sonnenschein, reine Wäsche reines Herz; Fritz ist ein Fsel; der Mann geht die Mühle geht es geht ihm gut das geht nicht, Karl steht auf einem Beine es steht in der Zeitung die Uhr steht es steht dir frei etc.

§ 57. In den bisher besprochenen Fällen bestand die Abweichung

Occasionelle Spezialisierung und Verallgemeinerung. 75

der oecasionellen Bedentiing- von der usuellen darin, dass die erstere alle Elemente der letzteren in sich enthielt, aber zugleich noch etwas mehr. Es giebt aber auch eine Abweichung von der Art, dass die occasionelle Bedeutung nicht alle Elemente der usuellen ein- schliesst, wobei sie aber doch zugleich wieder etwas zu der letzteren nicht Gehöriges enthalten kann. Die allgemeine Grundbedingung für die Möglichkeit einer solchen bloss partiellen Benutzung der usuellen Bedeutung eines Wortes ist dadurch gegeben, dass sich diese bei weitem in den meisten Fällen aus mehreren Elementen zusammensetzt, die sich von einander sondern lassen. Jede Vorstellung von einer Substanz enthält notwendigerweise die Vorstellung mehrerer Eigenschaften. Aber auch viele Vorstellungen von Eigenschaften und Thätigkeiten, die wir mit einem einzigen Worte bezeichnen können, sind zusammengesetzt. Ganz einfache Qualitäten (natürlich vom psychologischen Standpunkte aus) bezeichnen z. B. die Benennungen der Farben: blau, rot, gelb, weiss, schwarz. Und selbst bei diesen ist es möglich, dass sie für Qualitäten verwendet werden, die ihrer eigentlichen Bedeutung nach nicht vollkommen adäquat sind. Da nämlich jede Farbe mit jeder anderen in beliebigem Verhältnis gemischt werden kann, so giebt es unendlich viele Uebergangsstufen, die unmöglich jede ihre besondere Bezeichnung haben können. Und so ergiebt es sich, dass man bei der Bezeichnung Beimischungen in geringerem Grade unberücksichtigt lässt, so dass die Grenze, innerhalb deren eine Farbenbenennung anwendbar ist, unsicher und verschiebbar wird. Einen viel weiteren Spielraum aber für nicht adäquate Verwendung bieten die Wörter, deren Be- deutung ein Vorstellungskomplex ist.

Hierher gehört alles, was man als bildlichen Ausdruck be- zeichnet. Man pflegt zu sagen, zur Vergleichung gehöre ausser den beiden mit einander verglichenen Gegenständen ein tertium compara- tionis. Dieses tertium ist aber nicht etwas Neues, was noch dazu käme, sondern es ist derjenige Teil von dem Inhalt der beiden mit einander verglichenen Vorstellungskomplexe, den sie mit einander ge- mein haben. Sagen wir von einem Menschen er ist einem Schweine gleich oder er ist einem Schweine zu vergleichen, so ist das keine Iden- tifizierung wie bei einer mathematischen Vergleichung, sondern es soll damit nur gesagt sein, dass eine von den charakteristischen Eigen- schaften, aus denen sich der Begriff Schwein zusammensetzt, auch in der Vorstellung inbegriffen ist, die wir uns von diesem Menschen machen, d. h. in der Regel die Unflätigkeit. Wir können daher genauer sagen, indem auch das tertium zum Ausdruck kommt: er ist unflätig wie ein Schwein. Anderseits aber kann man noch einfacher sagen er ist schweinisch, wobei das Adj. wiederum nicht den vollen Inbegriff

76 Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung.

aller Eigenschaften eines Schweines bezeichnet, sondern nur eine Aus- wahl daraus, und endlich am einfachsten er ist ein Sehwein.

§ 58. Noch eine andere Möglichkeit giebt es, wodurch ein Wort über die Schranken seiner eigentlichen Bedeutung hinausgreifen kann, wiederum natürlich zunächst nur occasionell. Diese besteht darin, dass etwas, was mit dem usuellen Bedeutungsinhalt nach allgemeiner Er- fahrung räumlich oder zeitlich oder kausal verknüpft ist, unter dem Worte mitverstanden oder auch allein darunter verstanden wird. Hierher gehört die aus der lateinischen Stilistik als pars pro toto be- kannte Figur, sowie manches andere, was noch im Folgenden zu be- handeln sein wird.

§ 59. Bei jedem Hinausgreifen des Wortes über die Schranken seiner usuellen Bedeutung muss noch ein bestimmendes Moment hinzu- kommen, wenn die Beziehung richtig verstanden werden soll. Ein solches ist hier noch viel notwendiger als da, wo es sich nur darum handelt zu erkennen, welche von mehreren schon usuellen Bedeutungen gemeint ist, vgl. § 56. Wir fühlen uns überhaupt nie veranlasst ein Wort in einem Sinne zu verstehen, welcher nicht alle Elemente der usuellen Bedeutung in sich schliesst, so lange wir nicht durch irgend etwas darauf hingewiesen werden, dass das unmöglich ist, und zum wirklichen Erfassen des wahren Sinnes gehört dann noch, dass dieser Hinweis unseren Gedanken auch eine positive Richtung giebt. In dem Sprüch- worte Eigenlob stinkt, Freundes Loh hinkt würden wir die Prädikate nicht in bildlichem Sinne verstehen, wenn sie in eigentlichem mit den Subjekten vereinbar wären. Aehnlich verhält es sich mit Verbindungen wie das Feuer der Leidenschaft, der Burst nach Bache, der kalte Gruss. Wenn Schiller sagt sii Achen sass König Bndolfs heilige Macht oder Wolfram von Eschenbach dar nach sin snelheit verre spranc erkennen wir an den Prädikaten, dass die Subjekte Umschreibungen für die Personen sein sollen.

§ 60. Der Unterschied zwischen usueller und occasioneller Be- deutung macht sich besonders fühlbar beim U ebersetzen aus einer Sprache (oder Sprachstufe) in eine andere. Das Ziel, welches dabei angestrebt werden kann, ist möglichste Entsprechung der occasionellen Bedeutung der Wörter und Wortverbindungen. Dagegen ist es unver- meidlich, dass das Verhältnis dieser occasionellen Bedeutung zu der usuellen der betreffenden Wörter in den beiden Sprachen oft ein sehr verschiedenes ist. Wenn wir z. B. lat. altns bakl durch lioclt, bald durch tief wiedergeben, so decken sich im Deutschen occasionelle und usuelle Bedeutung, während im Lateinischen nur eine occasionelle Beschränkung der usuellen Bedeutung vorliegt, nach welcher das Wort sich auf jede Erstreckung in vertikaler Richtung bezieht, Analog verhält es sich,

Occasionelle Abweichung der Bedeutung'. Uebergang zum Usuellen. 77

wenn wir lat. hospes bald durch Wirf, bald durch Gast übersetzen oder für das mhd. vmii, welches jede Art von Bewegung- ausdrückt, ent- weder fahren oder reifeii oder gehen oder noch andere Verba einsetzen.

§ 61. In allen besprochenen Abweichungen der occasionellen Be- deutung von der usuellen liegen Ansätze zu wirklichem Bedeutungs- wandel. Sobald sie sich mit einer gewissen Regelmässigkeit wieder- holen, wird das Individuelle und Momentane allmählich generell und usuell. Die Grenzlinie zwischen dem, was bloss zur occasionellen, und dem, was auch zur usuellen Bedeutung eines A¥ortes gehört, ist eine fliessende. Für das Individuum ist der Anfang zum Uebergang einer occasionellen Bedeutung in das Usuelle gemacht, wenn bei dem An- wenden oder Verstehen derselben die Erinnerung an ein früheres An- wenden oder Verstehen mitwirkend wird; der vollständige Abschluss des Ueberganges ist erreicht, wenn nur diese Erinnerung wirkt, w^enn Anwendung und Verständnis ohne jede Beziehung auf die sonstige usuelle Bedeutung des Wortes erfolgt. Dazwischen ist eine mannig- fache Abstufung möglich. Innerhalb der engeren oder weiteren Ver- kehrsgenossenschaften können sich dann wieder die verschiedenen Indi- viduen auf verschiedenen Stufen des Uebergangsprozesses befinden. Es ist aber gar nicht möglich, dass der Prozess sich an einem Individuum vollziehen könnte, während dessen Verkehrsgenossen vollständig unbe- rührt davon blieben. Denn zum Wesen des Prozesses gehört es ja eben, dass er durch wiederholte gleichmässige Anwendung der anfäng- lich nur occasionellen Bedeutung zu Stande kommt, und dieser muss ein Verstehen wenigstens von Seiten eines Teiles der Verkehrsgenossen entsprechen, und das Verstehen ist für diese wiederum mindestens ein Anfang des Prozesses. Es wird aber auch nicht leicht an einem einzelnen Individuum der Prozess vollkommen durchgeführt werden, wenn die Beeinflussung, welche es auf die Verkehrsgenossen ausübt, nicht von diesen zurückgegeben wird. Ein solches Zurückgeben wird natürlich da am leichtesten sich einstellen, wo nicht bloss Beeinflussung von aussen wirkt, sondern ein spontaner innerer Trieb zu der nämlichen occasionellen Verwendung des Wortes, wie er sich naturgemäss aus der Uebereinstimmung ergiebt, die zwischen den Individuen rücksichtlich ihrer Verhältnisse besteht.

Ganz besonders wirksam aber für die Verwandlung der occasio- nellen Bedeutung in eine usuelle ist die erste Ueberlieferung an die nachwachsende Generation. Die Erlernung der Wortbedeutung erfolgt im allgemeinen nicht mit Hülfe einer Definition, durch welche die usuelle Bedeutung nach Inhalt und Umfang bestimmt würde. Eine solche wird überhaupt erst für eine schon ziemlich fortgeschrittene Stufe der Sprachkenntnis möglich und bleibt auch auf dieser Ausnahme.

78 Kap. IV. Wandel der Wortbedentung.

Das Kind lernt nur oceasionelle Yerwendungsweisen des Wortes kennen, und zwar zunächst nur Beziehung;en desselben auf ein durch die An- schauung gegebenes Konkretes. Nichtsdestoweniger verallgemeinert es diese Beziehung sofort, wenn es dieselbe überhaupt erfasst hat. Ganz natürlich. Die Beziehung auf das einzelne Konkretum kann überhaupt nicht festgehalten werden. Denn in dem P^rinnerungsbilde, welches dasselbe hinterlässt, liegt an sich gar nichts, woran bei einer neuen Anschauung die reale Identität oder Nichtidentität mit dem früher Angeschauten erkannt werden könnte. Die richtige Erkenntnis davon beruht immer erst auf einer Schlusskette und ist sehr häufig überhaupt nicht zu gewinnen. Für das naive Bewusstsein genügt Uebereinstimmung des Vorstellungsinhalts um die Identifikation vorzunehmen, mag reale Identität bestehen oder nicht. Es genügt auch eine partielle, unter Umständen eine sehr geringfügige Uebereinstimmung, solange das Er- innerungsbild noch sehr ^mbestimmt und verworren ist. So bildet sich vom Beginn der Spracherlernung an die Glewohnheit nicht bloss einen, sondern mehrere Gegenstände, nicht bloss gleiche, sondern auch nur irgendwie ähnliche Gegenstände mit dem gleichen Worte zu bezeichnen, und diese Gewohnheit bleibt, auch wenn Anfangs übersehene Unter- schiede später bemerkt werden, da sie fortwährend durch den Vorgang der Erwachsenen unterstützt wird. Es ist aber gar nicht anders möglich, als dass zunächst keine klare Vorstellung über Inhalt und Umfang der usuellen Wortbedeutung besteht. Das Kind macht eine Menge Fehler, indem es mit dem Worte bald einen zu reichen, bald einen zu armen Begriff verbindet und ihm demgemäss bahl eine zu enge, bald eine zu weite Verwendung erteilt. Das letztere dürfte das häufigere sein, um so häufiger, je geringer der zu Gebote stehende Wortvorrat ist. So weiss ich z. B., dass ein kleines Kind unter Stuhl ein Sopha mit ein- begriff, unter Stock einen Regenschirm, unter Hut eine Haube und andere Kopfbedeckungen, und zwar nicht bloss einmal, sondern wieder- holt. Eine andere Veranlassung zu ungenauer Auffassung der Be- deutung ergiebt sich dadurch, dass die bezeichneten Gegenstände viel- fach Teile eines grösseren Ganzen sind oder mit anderen Gegenständen in der Anschauung unzertrennlich verbunden. Hier wird das Kind vielfach unsicher sein, wie der Ausschnitt aus der ganzen Anschauung, den das Wort bezeichnen soll, zu begrenzen ist. Es wird die Grenzen bald weiter, bald enger ziehen, als es der Usus verlangt, mitunter zu- gleich etwas Hineingehöriges herauslassen und etwas nicht Hineinge- höriges einbegreifen. Uebrigens ist das Erlernen neuer Wörter und neuer Verwendungsweisen der alten keineswegs auf die frühe Kindheit eingeschränkt. Ausdrücke, die seltener vorkommen, kompliziertere Vorstelhmgskomplexe bezeichnen, eine höhere Bildung oder spezifische

Veränderung des Usus durch occasionelle Modifikation. 79

Kenntnis voraussetzen, hat auch der Erwachsene noch immer zu erlernen, und erlernt er sie nur auf Grund der occasionellen Verwendung, so ist er den selben Fehlgriffen ausgesetzt wie das Kind. Alle diese lln- genauigkeiten in Erfassung der usuellen Bedeutung sind vereinzelt von keinem Belang und werden in der Regel mit der Zeit korrigiert. Doch kann es nicht ausbleiben, dass in einzelnen Fällen das Zusammentreffen einer grösseren Anzahl von Individuen in dem gleichen Missverständnisse dauernde Spuren hinterlässt. Wir werden also eine Art des Bedeutungs- wandels anzuerkennen haben, die darauf beruht, dass der für die ältere Generation usuellen Bedeutung von der jüngeren eine nur partiell damit übereinstimmende untergeschoben wird. Das Gebiet dieser Art des Wandels werden wir aber auf die selteneren und nicht leicht klar zu fixierenden Begriffe einzuschränken haben, da bei anderen die all- mähliche Korrektur nach dem bestehenden Usus nicht ausbleiben kann.

Gewöhnlich geht der Anstoss zur Bedeutungsveränderung von der älteren Generation aus, die den Usus schon vollkommen beherrscht; die jüngere hat aber an der Weiterentwickelung einen besonderen Anteil. Dieser besteht darin, dass sich die verschiedenen Verwendungsweisen eines Wortes von Anfang an etwas anders gruppieren als bei der älteren Generation. Jede Anwendungsweise kann, weil sie zunächst am einzelnen Falle erfasst wird, für sich ohne Rücksicht auf die übrigen erlernt werden und daher eine grössere Selbständigkeit erhalten als sie in den Seelen der älteren Generation hatte. Für die Verselbständigung der abgeleiteten gegenüber der Grundbedeutung kommt noch besonders in Betracht, dass die letztere^ nicht selten früher erlernt wird als die erstere. So wird es sich z. B. leicht treffen, dass ein Kind mit Fuchs zuerst ein Pferd, mit Kamel zuerst (inen einfältigen Menschen bezeichnen hört. Dann wird die Grundbedeutung von Anfang an nicht als Vermittlerin herbeigezogen. So lange ein Individuum den Usus noch nicht vollständig beherrscht, vermag es auch vielfach nicht zu unterscheiden, ob eine Verwendungsweise, die ihm vorkommt, bereits usuell oder nur rein occasionell ist, und es kann daher die occasionelle, wenn sie sich ihm nur in Folge begünstigender Umstände stark eingeprägt hat, eben so unbefangen nachahmen wie die usuelle.

Bei weitem in den meisten Fällen entspringt also der Wandel der usuellen Bedeutung aus den Modifikationen in der occasionellen Anwendung, ohne dass dabei eine auf Veränderung des Usus gerichtete Absicht mitwirkt. Doch ist es daneben nicht ausgeschlossen, dass Einzelne mit Bewusstsein einen bestimmten Sinn an ein Wort anzu- knüpfen Sueben, und dass solche Bemühungen zum Teil Erfolg haben. Dies bewusste Eingreifen spielt namentlich eine Rolle bei der Aus- bildung der Terminologie in Gewerbe, Kunst und Wissenschaft (vgl. §16).

80 Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung.

§ 62. Aus unseren Ausführungen erhellt, dass die Veränderungen der usuellen Bedeutung- den verschiedenen Möglichkeiten der occasionellen Modifikationen entsprechen müssen. Die erste Hauptart ist demnach Spezialisierung der Bedeutung durch Verengung des Umfangs und Bereicherung des Inhalts. Als ein instruktives Beispiel für den Unter- schied zwischen bloss occasioneller und usueller Spezialisierung kann dix^Woi't Schirm dienen. Wir können das Wort für jeden schirmenden Gegenstand gebrauchen. Im occasionellen Gebrauche kann damit ein Ofenschirm, Lampenschirm, Augenschirm, Regenschirm, Sonnenschirm u. a. gemeint sein. Aber während wir das Wort als Ofenschirm oder Lampenschirm zu verstehen nur durch eine ganz bestimmte Situation veranlasst werden, liegt es uns auch ohne solche nahe es als Regen- oder Sonnenschirm zu fassen, und wir denken dann kaum mehr so sehr an die allgemeine Funktion des Schirmens wie an einen Gegenstand von bestimmter Gestalt und Konstruktion. Wir müssen daher anerkennen, dass sich diese Bedeutung als eine eigene, selbständige von der all- gemeineren abgezweigt hat, gleichviel ob sie sich noch logisch unter dieselbe unterordnen lässt. Denn diese logische Unterordnung ist nur möglich, wenn man von Momenten absieht, die für die Bedeutung mindestens eben so wesentlich sind als dasjenige, was man allein be- rücksichtigt. Weitere Beispiele sind: Fruclit im süddeutschen Ge])rauche = Getreide, Früchte auf Speisekarten == Obst; Kraut süddeutsch speziell == Kohl ; Korn^ welches einerseits allgemeine Bezeichnung für Getreide überhaupt ist, anderseits spezielle für die gewöhnlichste, hauptsächlich zur Brotbereitung verwendete Getreideart, in Norddeutsch- land für Roggen, in einigen Landschaften für Dinkel oder Weizen oder Hafer. Eine besondere hierher gehörige Art ist die Verwendung von Stoffbezeichnungen für Produkte aus dem Stoif, vgl. Glas, Feder, Gold Süher Kiipfer Papier (als Geldsorten) etc. Der Lexikograph muss sich bemühen bei der Aufzählung der speziellen Verwendungen eines Wortes zu scheiden zwischen solchen, die usuell geworden, und solchen, die rein occasionell sind, eine Scheidung, die ganz gewöhnlich versäumt wird.

Die angeführten Beispiele zeigen, dass die ältere allgemeinere Bedeutung neben der jüngeren spezielleren ungestört fortbestehen kann. In anderen Fällen ist die erstere untergegangen. Unser Fass hat ursprünglich jede Art von Gefäss bezeichnet (vgl. noch Zusammen- setzungen wie Salzfass, Tintenfass etc.) ; Miete ist ursprünglic hüberhaupt „Lohn", „Vergeltung" ; List ist noch im Mhd. = „Klugheit" ohne üblen Nebensinn, Beue = „Seelenschmerz" überhaupt, Hochzeit == „Festlich- keit" ; Brunnen ist früher = „Quell", ohne dass eine künstliche Ein- fassung dabei zu sein braucht (vgl. noch Sauerhnmnen u. dergl.) ; Lehen

Bedeutungswandel durcli Spezialisierung, 81

ist ursprüDg'licli überhaupt „etwas Geliehenes" (vgl Darlehen) ; genesen bedeutet ursprüDglich überhaupt „am Leben bleiben", „mit dem Leben davon kommen*', z. B. auch in einem Kampfe, einer Hungersnot; nähren ist eigentlich das Kausativum dazu, bedeutet also ursprünglich „am Leben erhalten", z. B. auch mit Bezug auf die Thätigkeit des Arztes oder den Schirm im Kampfe.

Spezialisierung der Bedeutung stellt sich namentlich in der Sprache der verschiedenen Standes- und Berufsklassen ein, indem einer jeden gewisse Vorstellungen besonders nahe liegen. Eines der gewöhnlichsten Mittel zur Schaffung technischer Ausdrücke besteht einfach darin, dass gewissen Wörtern und Wortverbindungen der allgemeinen Sprache ein bestimmterer Sinn untergelegt wird. Manche von diesen gehen dann mit dem zunächst in der Klassensprache angenommenen engeren Sinne in die allgemeine Sprache über, in der dann die ältere weitere Be- deutung teils noch daneben bestehen, teils schon untergegangen sein kann. Vgl. z. B. Druck, genauer Buchdruck; Stich, genauer Stahlstich, Kupferstich', ags. tvritan (= nhd. reissen) im Sinne von „schreiben"; gerben = mhd. gcnven mit dem allgemeinen Sinne „fertig, bereit machen" (zu gar) ; griech. ojiXa und lat. arma, ursprünglich mit dem allgemeinen Sinne „Gerät". Man erkennt die Bedeutung, welche die verschiedenen Berufsklassen für das Volksleben im Ganzen haben an der Zahl der Spezialisierungen, die sie in die allgemeine Sprache eingeführt haben.

Durch Verwandlung der occasionellen konkreten Bedeutung ge- wisser Wörter in usuelle entspringen die Eigennamen. Alle Personen- und Ortsnamen sind erst aus Gattungsbezeichnungen entstanden, und den Ausgangspunkt dafür bildet der Gebrauch xax t^oxr/r. AVir können den Prozess deutlich verfolgen bei sehr vielen Ortsnamen. In dieser Beziehung sind besonders so allgemeine überall wiederkehrende Be- zeichnungen lehrreich wie Äue, Berg, Brück, Brühl, Brunn, Burg, Haag, Hof, Kappet, Gmünd, Münster, Mied, Stein, Weiler, Zell, Altstadt, Neustadt {ViUenetive, JSetutotvn), Neuhurg, {KeucJiatel, Netvcastle), Hoch- burg, Neukirch, Mühlberg etc. Dergleichen haben ursprünglich nur den nächsten Umwohnern der betreffenden Oertlichkeit gedient, für welche sie ausreichten um diese von andern in der Nähe gelegenen Oertlichkeiten zu unterscheiden. Zu zweifellosen Eigennamen wurden sie in dem Augenblicke, wo sie auch von ferner stehenden mit diesem konkreten Sinne übernommen, oder wo sie durch den Zutritt weiterer isolierender Momente schärfer von den ursprünglich identischen Gattungs- bezeichnuugen gesondert wurden. Daneben giebt es freilich eine grosse Klasse von Ortsnamen, die von Anfang an der Natur wahrer Eigennamen sehr nahe kommen, weil sie aus Personennamen abgeleitet oder durch Personennamen bestimmt sind.

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82 Kap. IV. Wandel der Wortbedeutung.

Unter die Spezialisierung* können wir auch einen Vorgang einreihen, der gewöhnlich nicht als ein Bedeutungswandel gefasst wird, nämlich dass sich zu dem. was allein als die Bedeutung des Wortes angesehen zu werden pflegt, ein gewisser Empfindungston gesellt, in Folge dessen es entweder nur in edler oder nur in gemeiner Sprache, nur in dieser oder in jener Stilgattung gebraucht werden kann. Man vgl. z. B. Wörter wie Weih, Pfaffe, Mähre, MaM, Gemahl Gatte, Lenz, Maid. An diesen lässt sich geschichtlich nachweisen, dass der heute damit verbundene Gefühlston erst auf Ideenassoziationen beruht, die sich innerhalb bestimmter Gebrauchssphären an sie angeschlossen haben.

§ 63. Es giebt auch eine Art von Spezialisierung, die gleich ihren Anfang nimmt, sobald das Wort überhaupt gebraucht wird. Diese findet sich bei Wörtern, die aus anderen üblichen Wörtern nach den Bildungsgesetzen der Sprache beliebig abgeleitet werden können, aber doch nur dann wirklich zur Verwendung kommen, wenn ein besonderes Bedürfnis dazu treibt. Solche Wörter sind vielfach von Anfang an nur mit einer spezielleren Beziehung zum Grundwort nachzuweisen, als sie die Ableitung an sich ausdrückt. Die von Substantiven abgeleiteten Bildungen auf -er, mhd. -Kve bezeichnen an sich eine Person, die zu dem Begriff des Grundwortes in irgend einer Beziehung steht, welcher Art diese Beziehung auch sein mag, aber an den einzelnen Wörtern zeigen sich die verschiedenartigsten Spezialisierungen. Mhd. (Meere von ähte (Acht, Verfolgung) bedeutet sowohl Verfolger wie Verfolgter; bei der individuellen Anwendung kann jedenfalls niemals beides zugleich darunter verstanden sein. Unter Schüler hätte an sich auch der Schulmeister begriffen sein können, es liegt aber keine Spur davon vor, dass es jemals anders als im neuhoch- deutschen Sinne gebraucht wäre. So ist ferner Schreiner nie anders als für den Verfertiger von Schreinen, Schäfer nie anders als für den Hüter von Schafen, Bürger nie anders als für den Bewohner einer Burg oder Stadt, Fallncr nie anders als für einen, der mit Falken jagt: Vofjeler ist Vogelsteller, daneben Geflügelbändler. Aehnlich ver- hält es sich mit Verben wie hechern, huttern, haaren, hausen, herzen, l'ernen. larrcn, löpfcn, mauern, sfnndcn, tafeln u. a. Bei vielen Wörtern sind wir ausser Stande zu entscheiden, ob eine Verwendung in einem allgemeineren Sinne vorangegangen ist oder niclit. Auch viele Zu- sammensetzungen sind erst zur Anwendung gelangt, indem man mit ihnen, durch das Bedürfnis veranlasst, einen spezielleren Sinn verband, als er durch die Bestandteile an sich gegeben ist, vgl. Eisenhahn, Pferde- hahn, Dralithericht, Fernsprecher, liadfahrer, Zweirad, Standesamt etc. Die Schöpfung solcher Ableitungen und Zusammensetzungen mit spezi- alisiertem Sinne ist das sich am bequemsten darbietende und am

Spezialisierung. Besclirjinkung auf einen Teil des Vorstellungsinhalts. 8'>

lüiiifigsteii angewendete Mittel, um das Bedürfnis nach Bezeichnung neu auftretender Begriffe zu befriedigen. Auf diesem Gebiete spielt auch bewusste Absicht eine nicht geringe Rolle, eine grössere vielleicht als auf irgend einem andern der Sprachentwickelung. Die Etymologie lehrt, dass auch in den älteren Perioden die Benennnung von Gegen- ständen sehr gewöhidich nach bestimmten Merkmalen erfolgt ist, wo- durch sie an sich in ihrer Totalität nicht ausgedrückt sind. Doch ist darum gewiss der Schluss nicht berechtigt, dass alle Substanzbe- zeichnungen auf diese Weise entstanden, etwa alle aus Verben abge- leitet sein müssten.

§ 64. Eine zweite, der ersten entgegengesetzte Hauptart des Bedeutungswandels ist die Beschränkung auf einen Teil des Vor- stellungsinhalts, die also eine Erweiterung des Umfanges bedingt. Dieser Vorgang kann seinen Ausgang nehmen von solchen Fällen, auf die das betreffende Wort zwar noch in der älteren Bedeutung nach allen ihren Momenten anwendbar ist, so jedoch, dass davon nur ein Teil für den Sprechenden und Hörenden relevant, der andere irrelevant ist. Als Beispiel kann fertig dienen. Es bedeutet eigentlich, wie die Etymologie zeigt, „in einem zu einer Fahrt (d. h. auch einem Ritt, einem Gange) geeigneten Zustande", „zu einer Fahrt gerüstet, bereit". Wenn z. B. jemand, von einem andern zu einem Gange aufgefordert, erwidert ich werde mich sogleich fertig machen^ so könnte man das Wort an sich noch in dem ursprünglichen Sinne nehmen. Indessen schon zu einer Zeit, wo dieser noch lebendig war, musste die Beziehung auf die Beendigung der Vorbereitungen in den Vordergrund treten, während die Vorstellung von dem zu unternehmenden Gange als etwas bereits Gegebenes und Selbstverständliches im Hintergrunde blieb. Indem nun so bloss das erstere Moment deutlich in das Bewusstsein trat, konnte sich das Gefühl bilden, als ob damit die ganze Bedeutung erschöpft sei. So konnte man dazu gelangen, fertig auch auf den Abschluss der Vorbereitungen zu andern Dingen als einer Fahrt (im mhd. Sinne) zu beziehen. Die mittelhochdeutsche Wendung niht ein hröt umhe (für) ein dinc gehen konnte nach dem ursprünglichen Sinne nur in Bezug auf etwas gebraucht werden, wovon sich annehmen Hesse, das man Wert darauf legte es zu haben. Sie wird aber auch in Bezug auf etwas gebraucht, von dem vermutet werden könnte, dass man Wert darauf legt, es nicht zu haben, es los zu werden, vgl. sine goehcn für die selben not ze drizec jären niht ein hröt (Wolfram). Wir ersehen daraus, dass der Bedeutungsinhalt auf die Vorstellung beschränkt ist, dass einem etwas gleichgültig ist, nichts ausmacht.

Welche Momente des Bedeutungsinhalts relevant sind oder nicht, hängt häufig von dem Gegensatz ab, den man im Sinne hat. Unser

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gehen bezeichnet ursprünglich das Schreiten mit den Füssen; es kann einen Gegensatz zu anderen Fortbeweg'ungsarten wie fahren, reiten etc. bilden, aber auch den Gegensatz zu dem ruhigen Verharren an einem Orte ; Fälle der letzteren Art sind die Veranlassung gewesen, dass die Fortbewegung als der wesentliche und weiterhin als der alleinige Inhalt der Bedeutung empfunden ist, so dass man auch sagt (schon frühzeitig) das Schiff', das Mühlrad, die Uhr geht etc. Bei stehen kann einerseits der Gegensatz zu einer anderen Ruhelage wie liegen, sitzen in Betracht kommen, anderseits der Gegensatz zu einer Bewegung; indem nur noch der letztere als wesentlich für die Bedeutung empfunden wurde, ist man dazu gelangt, es mit Subjekten wie der Sterbt, die Wolke, das Wasser, die Uhr zu verbinden. Aehnlich wird noch bei manchen anderen Verben ein Teil des ursprünglichen Bedeutungsinhaltes aus- geschieden; so bei sitzen, vgl. der Hut sitzt auf dem Kopfe, die Frucht sitzt am Baume, der Bock sitzt gut', bei setzen, vgl. Fische in einen Teich, den Hut auf den Kopf, Spritzen auf ein Kleid, einem das Messer an die Kehle setzen', bei fliegen, welches ursprünglich die Bewegung durch Flügel bezeichnet, dann von jeder Bewegung durch die Luft, ferner auch von eiligem Laufen und Fahren gebraucht wird.

§ 65. Ein Wort kann auch dadurch einen Teil seines Bedeutungs- inhaltes einbttssen, dass derselbe in einem syntaktisch angeknüpften Worte noch einmal ausgedrückt ist. Unser ungefähr ist aus älterem ohngefähr hervorgegangen = mhd. äne gevcere, d. h. eigentlich „ohne feindselige Absicht". So könnten wir es noch fassen, wenn es z. B. bei Luther heisst wenn er ihn ohngefähr stösst ohne Feindschaft. In- dem aber in einem solchen Falle schon durch das Verb, eine Schädigung ausgedrückt war, trat in ohngefähr nur noch die Vorstellung der Ab- sicht hervor, nicht die Absicht des Schädigens, und es